Die Entstehung der Eurasischen Bewegung und Alexander Dugins Beitrag

– Verfasst von Dominik Schwarzenberger –

Russische Besonderheiten

Mit der Verbreitung des eurasischen Gedankens durch Alexander Dugin konnten erstmals bedeutende Strömungen des patriotischen russischen Lagers unter dieser Idee zusammengeführt werden. Dem Eurasianismus verpflichtet sehen sich nunmehr neostalinistische Bolschewisten, antikommunistische Konservative, Monarchisten, orthodoxe Fundamentalisten und Faschisten. Dugin selbst beeinflusst und berät wesentliche Machtinstanzen des russischen Staates. Im deutschsprachigen Raum ist der eurasische Philosoph dagegen unbekannt – ganz im Gegensatz zu Frankreich, Italien oder Belgien (Stand 2010).

Es stellt sich die Frage, warum der Eurasische Gedanke auf solch fruchtbaren Boden fällt. Auf welche geistigen Traditionen und historische Ereignisse können die Eurasier um Dugin zurückgreifen?

Für Russland bis zum heutigen Tag typisch sind archaisch anmutende Wahnvorstellungen: Allgegenwärtige Paranoia und Verschwörungstheorien. Der unerwartete Tod einer beliebten Persönlichkeit des öffentlichen Lebens wird häufig auf Mord, Intrigen und verborgene Bünde zurückgeführt. Christliche Eschatologie, eine wortgetreue Vorstellung der biblischen Apokalypse oder Glaube an den leibhaftigen Satan und Dämonen, sind ebenfalls tief verwurzelt. Auch in säkularisierter Form leben Endzeitphantasien als Sonderweg Russlands fort. Breite Volksschichten fühlen sich vom Gespenst der Russophobie allseits bedroht. Antijudaismus und antifreimaurerische Vorstellungen sind entsprechend weit verbreitet. Bemerkenswert ist das präsente historische Bewusstsein vieler Russen aller Schichten und Altersstufen. Russlands Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen wird auf Analogien der Gegenwart hin untersucht.[1]

Russlands Frühgeschichte

Skandinavische Waräger nutzten die großen westrussischen Ströme als Handelswege zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Entlang dieser Ströme gründeten sie mehrere Handelsniederlassungen. Daraus entstanden quasiautonome Stadtfürstentümer. Zur Wiege und Namensgeberin der russländischen Nation sollte das Fürstentum der Kiewer Rus (gegründet 862) werden. Die Rus waren wohl ursprünglich nur ein skandinavischer Stamm, dessen Bezeichnung sowohl auf das beherrschte Umland als auch auf alle Bewohner unabhängig ihrer Ethnie erweitert wurde. Bereits im 10. Jh. war die Slawisierung der Nordmänner abgeschlossen. Der Einflussbereich der Kiewer Rus konnte um 1000 auf die heutigen Staaten Westrussland, Weißrussland und Ukraine erweitert werden. Es ist deshalb heute unmöglich festzulegen, ob es sich bei Russen, Weißrussen und Ukrainern um eigenständige Völker handelt oder eher um Stämme desselben Volkes. Gleiches gilt für deren Sprachen, handelt es sich um eigenständige Sprachen oder Dialekte? Diese Grundsatzfragen sind vielmehr ein Politikum und von Machtinteressen abhängig. Kiews Herrscher Wladimir I konvertierte 988 zum orthodoxen Glauben, damit war eine bis heute andauernde rom- und westfeindliche Haltung eingeleitet.

Im 13. Jh. können die Mongolen Russland erobern, dabei zerstören sie das kulturelle Zentrum Kiew. Die mongolischen Invasoren tolerieren jedoch russische Eigenart und Orthodoxie. Neues Zentrum wird Moskau, von da aus vollzieht sich die Reconquista als „Sammlung russischer Erde“.

Die gegensätzlichen Orientierungen Russlands nach Osten oder Westen werden in den beiden Nationalhelden Alexander von Nowgorod (Alexander Newskij) (1220-1263) und Danylo von Halytzkyj (1201-1264) deutlich. Je nach Orientierung steht Alexander Newskij für den eurasischen Typus: Er bekämpfte die katholischen Invasoren (Deutschritter, Polen, Litauer und Schweden) und verbündete sich sogar mit den mongolischen Eroberern (dem „Osten“). Danylo von Halytzkyj dagegen verbündete sich mit den katholischen Polen („Westen“) gegen die Mongolen. Heutige Eurasier sehen in Danylos Handeln Verrat am russischen Wesen. Sie machen ihn für die Herausbildung der Kleinrussen (Ukrainer) und West- bzw. Weißrussen im ethnischen und der Katholisch-Unierten Kirche im religiösen verantwortlich.[2]

Russische Reichsidee und Sendungsbewusstsein

Von zentraler Bedeutung bleibt das russische Sendungsbewusstsein, im übermenschlichen Auftrag zu handeln. Dieser Umstand erklärt sich aus der eigenen Reichsidee. Als 1453 Konstantinopel (das Zweite Rom) als Zentrum des byzantinisch-orthodoxen Christentums von den muslimischen Osmanen erobert wurde, flüchteten orthodoxe Geistliche nach Moskau, dem „Pionier in heidnischer Umgebung“. Der Mönch Philoteus stellte fest: „Zwei Rome sind gefallen, das Dritte steht, es wird kein Viertes geben.“ Damit beanspruchte Moskau, der geistige Leuchtturm der Menschheit zu sein. Mit dem Moskowiter Großfürsten Iwan IV. beginnt die kaiserliche Tradition auf russischem Boden (Kaiser und Zar leiten sich vom lateinischen Caesar ab). Das Moskauer Patriarchat wird 1589 unabhängig von Konstantinopel und ersetzt dieses.

Russland wird fortan als Person gesehen: „Heiliges Russland“ und „Mütterchen Russland“.[3] Ein Russland ohne Imperium ist unvorstellbar, das Konzept der Staatsnation – wie das Frankreich des 16. Jh. -, als westliche Idee verworfen. Vielmehr existiert eine „Hierogamie“, eine Heilige Ehe zwischen Russland und dem Himmelreich Gottes.[4]

Die damit begründete russische Reichsidee – als übervölkische Einheit -, fungiert auch als Brücke zwischen Europa und Asien. Exemplarisch hierfür steht die Symbiose zwischen christlichen Zaren und islamisch-tatarischen Fürsten. Russentum und Russisches Reich sind aber nicht synonym zu verstehen: Wohl prägte das russische Volk den Reichsverband in Verwaltung, Sprache, Infrastruktur, Kultur und Ökonomie, dennoch gehörten andere Völker und Konfessionen dazu. Zur Veranschaulichung dieser Gewichtung bietet sich die treffende Bezeichnung „Heiliges Byzantinisches Reich Russischer Nation“ an. Grundlage des russländischen Staatsmodells waren „Orthodoxie – Autokratie – Narodnost“.[5]

Russlands Tiefpunkt: Die Zeit der Wirren

Als absoluter Tiefpunkt russischer Geschichte gilt die „Zeit der Wirren“ (Smuta). Im 14. Jh. löste sich das Reich in drei Teile auf: Großrussen (Moskowien), Kleinrussen (heutige Ukraine), von Polen besetzt, und West- bzw. Weißrussen, von Litauern besetzt. Als nämlich die Reichsidee zunehmend vernachlässigt wurde, zeigten sich bald Auflösungserscheinungen: Bauern- und Kosakenaufstände, vakanter Zarenthron und ungeklärte Nachfolge, Kirchenspaltung und als Demütigung – ein katholischer Pole als Alibizar. Unter Besinnung aller geistigen Ressourcen und Ideale wählte die einberufene Ständeversammlung Michail Romanow zum neuen Zaren. Die Dynastie sollte erst 1917 ihr blutiges Ende finden.

Zar Peters Westorientierung – der Verrat

Von ebensolch einschneidender Wirkung erscheint die Westorientierung Peters des Großen (1682-1725). Seine Reformen sind eher mit der Kulturrevolution Atatürks vergleichbar: Nachahmung des Westens, umfassende Veränderungen in Militär, Kirche, Kalender und Verwaltung, Reglementierung der orthodoxen Geistlichkeit und Förderung ausländischer Berater. Deutsch und Französisch dominieren in Militär, Hof, Wirtschaft und Verwaltung. Zentralistische Maßnahmen zerstören den ursprünglichen Reichsgedanken und bringen die ethnischen und konfessionellen Minderheiten gegen Moskau auf. Mit der neuen Hauptstadt Petersburg am Westrand des Reiches manifestiert sich diese Neuorientierung in Stein. Folgerichtig erneuert Peter I. der Große seinen Kaisertitel nach modernen Gesichtpunkten: „aufgeklärter Absolutismus“ statt Autokratie

Das widersprüchliche 19. Jahrhundert

Das 19. Jh. bringt die wichtigsten politischen und philosophischen Strömungen, welche Dugin und seine eurasischen Mitstreiter prägen. In jenem Jahrhundert schwankt das Zarenreich zwischen Isolation und Westorientierung. Trotzdem ist eine schleichende Verwestlichung des höfischen Lebensstils und des sich entwickelnden Bürgertums nicht mehr aufzuhalten. Immer mehr sickern liberale, atheistische, freimaurerische und revolutionäre Ideen ein. Napoleon wird als westlicher Invasor in der Tradition katholischer Eindringlinge wahrgenommen. Der französische Siegeszug durch Europa und die unmittelbare Bedrohung Moskaus 1812 zeugen von Russlands Unterlegenheit, der Westen erscheint demgegenüber übermächtig und nachahmenswert. In diesem Klima entstehen die Bewegungen der Slawophilen (Jurij Samarin und Iwan Aksakow) und Potschwenniki (etwa “die Bodenverwurzelten“). Beide stehen für den russischen Sonderweg unabhängig von Europa, aber auch gegen reaktionäre Erstarrung. Dieser Dritte Weg favorisiert orthodoxe Spiritualität und institutionelle Kirchenkritik, zaristische Autokratie und Entbürokratisierung, Hierarchie und Abschaffung der bäuerlichen Leibeigenschaft. Der große Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski (1821-1881) bekannte sich zu dieser Gesinnung.

Die ersten Eurasier der Zwischenkriegszeit

Authentische Eurasier treten erst nach dem Sturz des Zaren 1917 auf. Unter den vor Lenin geflüchteten Exilrussen stehen sie für den exotischen, wenig einflussreichen, aber publizistisch aktiven Typus. Im Gegensatz zu restaurativen, slawophilen und faschistischen Exilrussen, sehen die Eurasier im stalinistischen Bolschewismus ihre Sache vertreten. Stalin wird als Konterrevolutionär und Scheinmarxist gesehen. Er ist für die Oktoberrevolution das, was für die Französische Napoleon I. war. Tatsächlich erkannte Stalin im Sowjetsystem dessen utopische nichtpraktikablen Charakter: den wurzellosen neuen Sowjetmenschen ohne Spiritualität, Nationalität und Tradition. Ob aus Überzeugung oder Kalkül: Stalin nationalisierte den Bolschewismus. Sowjetisch sein heißt russisch sein. Er stellte sich sogar in eine Traditionslinie mit Moskowiens Frühzaren, lockerte die Unterdrückung der Orthodoxen Kirche – und nur dieser –, und förderte ab 1945 einen neuen Vaterlandskult. Folgerichtig versöhnten sich viele eurasischen Theoretiker mit dem Sowjetsystem und kehrten aus ihrem Exil zurück.

Von herausragender Bedeutung für die Eurasische Bewegung der Gegenwart sind Nikolai Ustrialov (1880-1937), Lew N. Gumiljow (1912-1992) und Nikolaj S. Trubetzkoy (1890-1938). Die Eurasier der Zwischenkriegszeit würdigen den Islam, Buddhismus und die Turkvölker als Förderer vergangener russländischer Größe und Einzigartigkeit. Der russische Typus ist nämlich nur der Sprache nach slawisch, darüber hinaus auch mongolisch und turanisch. Damit stehen die Eurasier im Gegensatz zu den Slawophilen.

Die Neoslawophilen nach 1955

Diese, aus den „Dorfschriftstellern“ hervorgegangene Strömung sammelte alle antiwestlichen, authentisch russisch-orthodoxen Ideen der Vergangenheit (also Slawophile und Potschwenniki) mit dem Ziel, die geistig-moralische Wiedergeburt des Russentums zu erreichen. Die oben dargestellte Reichsidee mit ihrer charakteristischen Gleichberechtigung und Würdigung aller Völker auf russischem Boden, steht dabei im Mittelpunkt. Alexander Solschenizyn, Nikolaj Berdajew oder Igor Ogurzow treten folgerichtig für ein neues Zarentum mit orthodoxer Staatskirche ein. Das bestehende kommunistische Sowjetsystem darf also keinesfalls durch westlich-liberale Ordnungskonzepte ersetzt werden. Auch die Neoslawophilen wenden sich scharf gegen den „Westen“ ohne jedoch das asiatische Element (mongolische und turanische Einflüsse) hervorzuheben.[6] Noch etwas teilen Neoslawophile mit ihren eurasischen Konkurrenten: die oben angesprochene Neuinterpretation Stalins. Dessen Taten werden zwar verurteilt, aber man würdigt im Stalinismus eine Art säkularisierte Orthodoxie: Moskaus Weltmission und das Goldene Zeitalter der universellen Gerechtigkeit. Der Sowjetkommunismus hat neben seinen linken Zügen (Appell an Vernunft, Fortschrittsgläubigkeit, Humanismus und Egalitarismus) auch deutlich rechte Akzente (Antiindividualismus, Irrationalismus, Patriotismus und Antiliberalismus), die seit den 1960ern immer mehr zunehmen. Seit der Entstalinisierung 1956 und einer merklichen Schwächung der UdSSR im Zuge der friedlichen Koexistenz steigerte sich noch die Stalinverklärung: Seine Verbrechen werden zu therapeutischen Eingriffen à la Iwan der Schreckliche. Stalins Zurückdrängung des jüdischen Revolutionselements dürfte daran nicht ganz unschuldig sein.

Alexander Dugin betritt die politische Bühne

1991 betritt der Journalist Alexander Dugin (geb. 1962) die politische Bühne Russlands. Zunächst engagiert er sich für die monarchistisch-faschistische Organisation Pamjat, um dann die „Nationalbolschewistische Partei“ mitzugründen. Danach beschränkte er sich bis Ende der 1990er auf seine Denkschule „Arktogaja“ und publizierte in seinen „Hauszeitschriften“ (Den, Elementy und Politika). Bis dahin setzte der umtriebige Vielschreiber noch keine eigenen Akzente, sonder sammelte und übersetzte ausländische Denker (Vertreter der Konservativen Revolution, Evola, Benoist und Jean Thiriart). Erst vergleichsweise spät entdeckte er auch russische Theoretiker (Slawophile, Potschwenniki, Neoslawophile, Eurasier der Zwischenkriegszeit). Mit der Jahrtausendwende entwickelte Dugin dann sein umfangreiches eklektizistisches opus magnum des Eurasianismus.

2003 gründete er zu dessen Verbreitung die „Internationale Eurasische Bewegung“ und die „Eurasische Partei“ sowie weitere Vorfeldorganisationen. Dugins Einfluss ist beträchtlich: Er moderiert  Radioprogramme, sitzt in Parlaments-Ausschüssen, arbeitet als Publizist für staatstragende Zeitschriften und einige seiner Bücher sind offizielles Lehrmaterial für Universitäten (z.B. „Grundlagen der Geopolitik“ von 1997). Außerdem arbeitete Dugin als Berater des einflussreichen nationalkommunistischen Dumaabgeordneten Gennadij Selesnjow. Dugin war mehrmals prominenter Gast in Kasachstan und Iran. Zuletzt begleitet er eine Ehrenprofessur in Kasachstans Hauptstadt Almaty.

Es gelingt Dugin, Russlands Geschichte auf die Zeit nach 1991 zu übertragen. Wieder ist das Reich zerfallen, außer den nichtslawischen Regionen sind auch die Bruderrepubliken Weißrussland und Ukraine – die Wiege des Russentums -, unabhängig. Die orthodoxe Religion ist deutlich geschwächt, wenn auch wieder in der Offensive, die Gesellschaft degeneriert, die Geburten gehen stark zurück, die russische Minderheiten in Zentralasien verlassen ihre Siedlungen, das Militär versagt als Schule der Nation, ein weit verbreiteter Separatismus, Ausverkauf der Wirtschaft und das demokratische System erweist sich als unfähig. Besonders die Regierung Jelzins erinnert an die „Zeit der Wirren“.

Im Folgenden soll überblicksartig vorgestellt werden, was die Schwerpunkte des Eurasianismus sind.

Dugins Volksbegriff

Der russische Nationenbegriff definiert sich traditionell räumlich-landschaftlich und religiös-spirituell. Das Konzept einer russischen Staatsnation à la Putin oder Sowjetsystem widerspricht diesem Ideal und erinnert eher an das römisch-lateinische Feindbild. Ein Russentum auf biologisch-abstammungsmäßiger Grundlage wie das germanische oder keltische widerspricht gleichfalls jeder russländischen Tradition. Dugin räumt dem Ethnos zwar eine wichtige Rolle ein, nämlich das russische Volk als Träger der Nation, sieht aber im biologischen keine absolute Größe. Das wird an seiner Haltung zum Auslandsrussentum deutlich. Alle russischen Emigranten außerhalb Eurasiens (z.B. in Nordamerika oder Brasilien) können keine authentischen Russen mehr sein, ihnen fehlt die Bodenverwurzelung und das Leben im sakralen Raum Eurasien (Siehe unten). Zum authentischen Russen gehört zudem die Einheit mit der Orthodoxen Kirche (Sobornost) – andererseits macht die orthodoxe Taufe noch keinen echten Russen aus.[7]

Dugins Verhältnis zu Religionen

Da sich Dugin auf die russische Reichstradition beruft, sollte er der Orthodoxen Kirche eine privilegierte Sonderstellung einräumen. Die Würdigung der Orthodoxie hat aber keinen religiösen Hintergrund, sondern dient der Identitätsfestigung und antiwestlichen Abgrenzung. Als gelehriger Schüler des italienischen Kulturphilosophen und traditionalen Denkers Evola ordnet Dugin jede Konfession der Integralen Tradition[8] unter. Da die Orthodoxie auch eine starke traditionale Strömung integriert – im Gegensatz zum eher liberalen Protestantismus -, gibt es keine Gegensätze.[9] Es reicht, wenn die Völker Russlands die Vormachtstellung der Orthodoxie akzeptieren, sie müssen nicht konvertieren oder können einen Art „Doppelglauben“ (Dvoevenje) leben: Man ist äußerlich Christ und zugleich überzeugter Muslim usw.

Dugin würdigt die Orthodoxe Kirche ihres Strebens der spirituellen Vervollkommnung wegen. Die Römisch-Katholische Kirche demgegenüber strebe nur nach sozialer Integration aller Gläubigen, das Kontemplative bleibt auf der Strecke. Besonders Jesuiten (für den Katholizismus) und Calvinisten (für den Protestantismus) stellen absichtliche Entartungen dar, die zur Subversion führen müssen. Ebenso unterscheidet Dugin Strömungen im Islam nach traditionaler Kompatibilität: Der Shiitische Islam entspricht dem Orthodoxen Christentum, die Sunna der Katholischen Kirche. Besonders der puritanische Wahabismus mit seiner ritualistischen inhaltsleeren Oberflächlichkeit erinnert an die Calvinisten. Wahabismus nütze nur dem Westen.

Für das künftige Russische Reich (und später ganz Eurasien) favorisiert Dugin eine „Union der traditionalen eurasischen Konfessionen“: Orthodoxie, Islam, Buddhismus, (antizionistisches) Judentum und Schamanismus. Mit dieser konfessionellen Phalanx als Widerstand der Gläubigen soll der Endkampf gegen Säkularisierung, Globalismus und neuartige Sekten gewonnen werden. Zwischenreligiöse Konflikte sollen friedlich und einvernehmlich gelöst werden. Missionierungsbestrebungen sind verboten.[10]

Eurasianismus und Atlantismus

Immer wiederkehrende Schlüsselbegriffe in Dugins Werk sind die Gegenpole Eurasien und Atlantismus. Eurasien meint hierbei keine Synthese aus Europa und Asien, sondern etwas Drittes, eine neue Qualität. Gemeint ist ein metaphysischer Raum der Ursprünglichkeit. Eurasien wird mit dem Element Erde identifiziert (Stabilität, Dichte, Sesshaftigkeit, Hierarchie, Ideokratie und Werte), die Atlantiker mit dem Element Wasser (Beweglichkeit, Weichheit, Nomadentum, Individualismus, Relativismus und Demokratie).

Persönlichkeiten und Ereignisse der Geschichte werden entweder als eurasisch und traditional oder atlantisch und subversiv eingeordnet. So unterscheidet er zwischen den eurasischen Nationalsozialisten Karl Haushofer (1869-1946) und Goebbels[11] und den atlantischen Göring und Himmler[12]. Hitler pendelt dabei zwischen den Polen. Zur Zeit des Nichtangriffspakts mit Stalin war Hitler angeblich eurasisch orientiert. Die nationalsozialistische Rasselehre sei atlantischen Ursprungs, um die eurasische Völker-Allianz zu spalten. Die Akteure der „Konservativen Revolution“ (Mohler) werden als eurasisch angesehen (v.a. Ernst Niekisch).

Der Gegenpol Atlantismus bezeichnet die entfremdete atomisierte Welt der Moderne. Die atlantische Mentalität ist kaufmännisch und materialistisch geprägt. Zu ihr gehör(t)en das British Empire, USA oder auch Napoleon. Zu den wichtigsten atlantischen Theoretikern gehören Admiral Alfred Mohan (1840-1914), Nicholas Spykman (1893-1943), Henry Kissinger (geb. 1923), Zbigniew Brezezinski (geb. 1928), Francis Fukuyama (geb. 1952) sowie Halford Mackinder (1861-1947) mit seiner „Heratland-Theorie“. Nach dieser Theorie prägt der ständige Kampf zwischen Land- und Seemächten die gesamte Menschheitsgeschichte. Der deutsch-britische Dualismus im Vorfeld des Ersten Weltkriegs gehört zu diesen Kämpfen. Mackinder sieht in expandierenden Kontinentalmächten (dem Herzland) wie Russland oder Deutschland die Hauptgefahr für die Hegemonie der Seemächte (Großbritannien, USA). Der Kalte Krieg mit seiner Blockkonfrontation stellte ein weites Stadium dieses ewigen Kampfes dar.

Eurasier und Atlantiker sind aber nicht an geographische Realitäten gebunden. So kann es russische Atlantiker geben (authentische Marxisten, Liberale, Freimaurer) und angelsächsische Eurasier (z.B. die US-amerikanischen Isolationisten).

Sakrale Räume und Himmelsrichtungen

Wie Eurasien und Atlantismus haben auch die Sakralen Himmelsrichtungen eine metaphorische Bedeutung. Die Himmelsrichtungen stehen für sich absolut und nicht einfach relativ nach geographischem Standpunkt. Dugins religionswissenschaftliche mythologische Studien sind für diesen Umstand verantwortlich. Demnach steht der Norden für die Urheimat des Menschen, Hyperboreia, Atlantis oder Thule. Es gibt im Norden keine Gegensätze, Räume oder Zeiten, alles ist vollkommen. Der Süden steht für Dunkelheit, Materialität und Vergänglichkeit. Der Osten ist Hort ewiger Weisheit (Geburtsort der Sonne) und der Westen Heimat von Dekadenz, Oberflächlichkeit, Seelenlosigkeit, Täuschung (Sonne geht im Westen unter). Norden und Osten sind eurasische Attribute, Süden und Westen atlantische.

Dugins Staatsideal

Wie stellt sich Dugin den Eurasischen Staat vor? Das Reich Eurasien ist eine Art universelles Russisches Reich. Es gibt Trägervölker (Russen, Deutsche, Perser, Japaner, Mongolen) und gigantische assoziierte Vorposten (Indien, China, Arabien, Türkei). Der dezentrale Staat besteht aus ethno-religiösen Bezirken mit einem maximalen Grad an kultureller, sprachlicher, ökonomischer und juristischer Autonomie, jedoch keine ideologische und außenpolitische.[13] Wie es sich mit Vielvölker-Regionen verhalten soll, bleibt Dugin seinen Anhängern schuldig. Alle Ethnien und traditionalen Konfessionen (Siehe oben) entsenden Vertreter in die Ständekammer. Tatsächlich ähnelt Dugins Staatsmodell dem Korporativ- oder Ständestaat Othmar Spanns (1878-1950).

Dugin bezeichnet seine Staatsform als Aristokratie und „Organische Demokratie ohne Parteien“. Der Ständestaat ist streng hierarchisch gegliedert und erinnert an das hinduistische Kastensystem. Evolas Einfluss ist auch hierbei nicht zu übersehen, gleichwohl Dugin das Militär (Kshatriya-Krieger-Kaste) zum Rückgrat des Staates erhebt und nicht den „Brahmanen“. Das Militär steht für Askese, Zucht und Ordnungsdienst, im Gegensatz zum weltabgewandten Brahmanen darf es sich in soziale Belange mischen. Die Dritte Kaste der Arbeiter und Händler haben keine Möglichkeit der politischen Teilhabe. Sie sind zu materiell orientiert, haben keine Phantasie und Abenteuergeist, ihr Patriotismus entstammt egoistischen Motiven.

Das herrschende eurasische Recht ist metaphysisch begründet: Religiöse Gebote christlicher Orthodoxie + Sittengesetze + staatliche Gesetze. Wie dieses Rechtssystem konkret aussieht, bleibt jedoch unklar.

Wirtschaftlich favorisiert Dugin einen „Neuen Sozialismus“, der sich auf Friedrich List (1789-1846), Gustav Schmoller (1838-1917), Werner Sombart (1863-1941) und John M. Keynes (1883-1946) beruft. Demnach sind Informationstechnologie, Landwirtschaft, Energie- und Rüstungsindustrie, Bodenschätze, Infrastruktur, Versicherungen und Banken staatlich verwaltet. Landbesitz und Fabriken können als Lehen an Private gehen. Hier zeigt sich Otto Strassers (1897-1974) Einfluss. Die Wirtschaft forciert eine Reagrarisierung und Autarkiestreben, damit wendet sich Dugin gegen die internationale Arbeitsteilung. Im neuen Eurasischen Reich existiert eine Einheitswährung, deren Stabilität durch die Bodenschätze garantiert werden soll. Dugins Staats- und Wirtschaftsverständnis sind am wenigsten ausgereift und spekulativ.

Russlands Mission heute

Russlands Mission im 21. Jh. Ist der Kampf gegen die atlantische Fortschrittsidee und monokulturelle Globalisierung. Russland kämpft mit allen gewachsenen Kulturen (Volksidentitäten und traditionalen Konfessionen) zusammen. Moskau bildet den Kern des eurasischen Imperiums. Wie dieses gebildet wird, ist aber unklar. Deutschland soll Zentrum der Integration Europas sein. Es ist aufgrund seiner zentralen Lage, Größe und Mentalität dafür prädestiniert. Die deutsche Seelentiefe ähnelt der russischen. Von allen germanischen Völkern ist das deutsche am wenigsten germanisch und am meisten slawisch und keltisch. Dugin wünscht sich ein christlich-orthodoxes Deutschtum als wahres Drittes Reich.[14] Drei Machtachsen bestimmen Eurasien: Die Achsen Moskau-Berlin, Moskau-Tokio und Moskau-Teheran. Japan (Tokio) war fast immer an Mitteleuropa ausgerichtet. Die japanische Außenpolitik bis zur Zäsur 1945 war angeblich kontinental ausgerichtet: „Großasiatische Wohlstandssphäre“ und nicht kolonialistisch (und damit atlantisch). Ganz anders China: Bis auf die Phase des „aktiven Maoismus“ war und ist China angeblich probritisch (und damit atlantisch) orientiert.

Indien und die arabische Welt stellen aufgrund ihrer Ausrichtung nach Süden bzw. Nordafrika keine integralen Bestandteile Eurasiens dar, sondern nur proeurasische Vorposten. Ein buddhistischer Nordblock aus Großmongolei, Japan, Tibet und russischen buddhistischen Völkerschaften fungiert als Grenze chinesischer Expansion. Der arabischen Welt misstraut Dugin aufgrund des dominierenden Sunnitischen Islams und dessen Anfälligkeit für den atlantischen Wahabismus (mit Zentrum Saudi-Arabien). Schwierig ist das Verhältnis zur türkischen Welt (mit den turksprachigen Staaten Zentralasiens). Seit der Kulturrevolution des Freimaurers Atatürk gehört Ankara ins atlantische Lager. Nur eine gründliche Reislamisierung der türkischen Politik garantiert die eurasische Wende.[15]

Die Bewertung Alexander Dugins gestaltet sich sehr schwierig. Sein eurasisches Zukunftsreich ist unklar und unausgereift. Es existieren nur Schlagworte ohne wirklichen Inhalt. An Dugins Ernsthaftigkeit, Eurasien als übernationales Riesenreich zu schaffen, darf gezweifelt werden. Eurasien erscheint viel mehr als ein utopisches Sinnbild orthodoxer Frömmigkeit. Schwer vorstellbar, wie solche unterschiedlichen Kulturen zusammenleben können und auf welche Weise die Integration erfolgen soll. Einige Analysen Dugins sind zweifelhaft und entspringen russischen Machtinteressen.[16] Die Wiederbelebung der russischen Reichsidee ohne Russifizierungsprozess (als Miniatureurasien) kann aber für Russlands Integrität heilsam sein. Die wenigsten nichtrussischen Völker wollen die totale Separation, sondern nur ihre Identität und Autonomie erhalten. Die wirtschaftlichen Forderungen nach einer gemischten Volkswirtschaft mit hohem Autarkiegrad ist schon jetzt allgemein akzeptiert.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass Alexander Dugin sehr opportunistisch handelt. Er revidiert häufig Aussagen und wechselt die politischen Fronten.[17] Genauso gestaltet sich sein Verhältnis zu Putin. Einmal dient er sich Putin an, andermal greift er ihn rücksichtslos an. Er wird von seinen internationalen rechten Anhängern und linken Feinden maßlos überschätzt und von seinen liberalen Feinden unterschätzt. Grundsätzlich ist Dugin ein Meister der Inszenierung. Genau darum wird er von staatlichen Instanzen (z.B. Militärgeheimdienst) instrumentalisiert. Er integriert und moderiert ein breites Spektrum des russischen Nationalradikalismus. Europas Patrioten kommen an Dugins Einfluss vorerst nicht umhin, eine Beschäftigung mit seinen Ideen lohnt sich.

Anmerkungen

[1] Das Ende des Sowjetimperiums wird gern auf eine jüdisch-freimaurerische Verschwörung zurückgeführt, um Russland dem Westen auszuliefern. Der nur der Theorie nach marxistische Sowjetkommunismus hat – so der allgemeine Tenor -, urrussische Traditionen bewahrt.

[2] Die Katholisch-Unierte Kirche des 16. Jh. folgt byzantinischen Riten, untersteht jedoch dem Papst. Sie stellt ein wesentliches Identitätsmerkmal des Westukrainertums dar.

[3] Russlands Patrioten unterscheiden die Begriffe „Rodina“ (=Mutterland, eurasisch, weiblich) und. „Otechestvo“ (=Vaterland, männlich, westlich).

[4] Der Schriftsteller und eurasische Ahnherr Piotr Tschadev (1793-1856) forderte die Besinnung auf Russlands Weltmission. Russland hat noch keinen historischen Beitrag geleistet, es steht abseits und über den irdischen Dingen. Seine himmlische Sendung ist die Erlösung aller Völker in Christo. Das Russentum muss dazu den Leidens- und Märtyrertod Christi gehen. Voraussetzung sei das Prinzip „Sobornost“ (etwa Symphonie). Gemeint ist die Harmonie und Gemeinschaftlichkeit zwischen dem Einzelnen und dem Sozialen (v.a. der Orthodoxen Kirche). Der Einzelne soll aber nicht restlos im Sozialen aufgehen, sondern sich nur mit ganzer Entfaltung einbringen. Individualismus außerhalb von Sobornost ist geistige Unterentwicklung, da jeder isoliert für sich denkt.

[5] Diese Trias wurde erst im 19. Jh. vom Volksbildungsminister Sergej Uvarov (1786-1855) unter Nikolaus I. (1796-1855) explizit dargestellt. Narodnost meint in diesem zusammenhang Volkstümlichkeit und Volksverbundenheit der Aristorkratie.

[6] Der Panslawismus des 19. Jh. spielt bei den Neoslawophilen keine Rolle.

[7] Die nationalsozialistischen Gruppen sind die einzigen Nationalisten, die sich als immun gegen Dugins Ideen erweisen.

[8] Es ist nicht der Raum die Integrale Tradition darzustellen. Ganz grob lässt sich folgendes sagen:

Es existieren überzeitliche, übermenschliche, unabänderliche und kosmische Gewissheiten, die in allen – als traditional akzeptierten -, Religionen und Kulten konserviert werden. Im Kern sind demnach alle diese Religionen gleich, haben nur kulturell und völkisch angepasste Formen. Die mit dem Kosmischen in Verbindung stehende irdische Ordnung und Hierarchie wird durch subversive Kräfte (z.B. Freimaurerei) bedroht.

[9] Gleichwohl favorisiert Dugin die altgläubige ursprüngliche Form der Orthodoxie, die sich 1666 von der offiziellen Kirche wegen deren Reformfreudigkeit abspaltete. Die Altgläubigen (auch Raskolniken) glauben an die Legende vom „Weißen Gewässer“ (Belowod `e), wonach sich die letzten wahren Christen auf einer Insel im Norden gelegen Meer (Weißes Gewässer) zum Jüngsten Gericht sammeln.

[10] Tatsächlich kennen die traditionalen Strömungen jeder Konfession keine Missionierung. Das gilt auch für die Mehrheit der Orthodoxen Kirche und den Shiitischen Islam.

[11] Goebbels kam ursprünglich aus dem prosowjetischen Strasser-Lager und forderte einen „Notblock der unterdrückten und entrechteten Völker“ (z.B. mit Indien und China) gegen den imperialistischen Westen.

[12] Rassismus als Kind der Moderne wird in evolianischer Tradition als „Materialismus des Blutes“ angesehen.

[13] In rudimentärer Form gibt es Russland schon vergleichbare Regionen, die autonomen Gebiete für nichtrussische Minderheiten. Am weitesten ist diese Form in „Tatarstan“ fortgeschritten. In Zukunft soll es möglich sein, dass in muslimischen Regionen die Scharia als alleiniges Recht gilt.

[14] Nach dieser Zählung war das Erste Reich bis 1806 katholisch und das Zweite 1871-1945 protestantisch geprägt.

[15] Tatsächlich interessieren sich radikal-sunnitische Gruppen und einige nationalkommunistische für Dugins Offerten.

[16] z.B. China als einzukreisender und zu spaltender Staat, der als atlantisch bewertet wird.

[17] Das zeigt sich am der Bewertung Israels. Einmal sympathisiert er mit traditionalen Orthodoxen Juden und lehnt das Existenzrecht Israels ab, andermal sucht er Verbindung zu rechtszionistischen Kreisen.

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