Gerhard von Scharnhorst – Vom „Bauernlümmel“ zum Militärreformer

– verfasst von Rolf Gradmann –

Den endgültigen Sieg über Napoleon hat Scharnhorst nicht mehr miterleben dürfen – er starb an den Folgen einer Verwundung vor Beendigung der Völkerschlacht im Jahre 1813 –  dennoch hat er entscheidend dazu beigetragen. Denn er gehörte neben Neithardt von Gneisenau und Carl von Clausewitz zu den eifrigsten Reformern des preußischen Militärwesens.[i]

Geburt und militärische Laufbahn

Am 12.11.1755 wurde der Bauernsohn Gerhard Johann David Scharnhorst in Bordenau bei Hannover geboren. Sein Vater, Ernst Wilhelm Scharnhorst, konnte aufgrund eines Rechtstreites das Gut, auf dem Scharnhorst aufwuchs, in den Besitz der Familie bringen, da er die Tochter der alten Gutsbesitzer, eine reiche Bauernfamilie, zur Frau nahm. Somit entkam die Familie der Armut und der junge Scharnhorst konnte 1773 vom Vater auf die Militärschule „Wilhelmstein“ des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe geschickt werden. Da der Graf als aufgeklärt galt, fing Scharnhorst frühzeitig an, sich mit aufklärerischen Werken zu befassen. So las er die Schriften Herders und Lessings.[ii]

Nach Absolvierung der Militärschule setzte Scharnhorst seine militärische Laufbahn in seiner Heimat fort. Als Fähnrich trat er 1778 in ein hannoversches Dragonerregiment ein, wo er als Lehrer an der hiesigen Kriegsschule unterrichtete. Drei Jahre später gab er Unterricht an der Artillerieschule in Hannover und 1784 wurde er in den Rang des Leutnants befördert. Die Lehrertätigkeit übte Scharnhorst bis zu seinem 37. Lebensjahr aus. Zu seinen Fächern zählten u. a. Artilleriewissenschaften, Mathematik und Taktik.

Seine ersten Kampferfahrungen sammelte Scharnhorst in den Jahren 1793-1795 während der Feldzüge in Flandern und Holland. Dort befand er sich an der Spitze einer reitenden Batterie. Dabei machte er sich besonders bei dem Rückzug aus Hondschoote und der Verteidigung Menens verdient, weshalb der mittlerweile zum  Stabskapitän avancierte Scharnhorst zum Major befördert wurde. Nach dem Krieg, im Jahre 1796, folgte dann bereits die Beförderung zum Oberstleutnant.[iii]

Scharnhorst als Reformer

In der Zeit als Oberstleutnant fing Scharnhorst an, sich Gedanken über Veränderungen im hannoverschen Heerwesen zu machen. Denn er erkannte früh, dass mit der Französischen Revolution ein neues Zeitalter angebrochen war, in dem Standesschranken nichts mehr bedeuten würden. Auch sah er eben einen entscheidenen Fehler darin, das Offizierskorps ausschließlich aus Adligen bestehen zu lassen. Oftmals hatten diese, außer dem blauen Blut, keine wirklichen militärischen Eignungen vorzuweisen. „Wir werden von Aristokraten zurückgesetzt und streiten für Aristokraten, das ist einfach so“, beklagte er in einem Schreiben an seine Frau. Doch seine dem kurhannoverschen Militär vorgelegten Denkschriften für Reformen stießen auf wenig Gegenliebe und so verließ er die hannoversche Armee und trat 1801 als Oberstleutnant in den preußischen Dienst. Dort fungierte er als Direktor der Lehranstalt für junge Infanterie- und Kavallerieoffiziere. Dies hatte zur Folge, dass der Unterricht von Scharnhorsts Visionen stark beeinflusst war. Nicht umsonst wurden einige seiner Schüler, wie von Clausewitz und Hermann von Boyen, zu Unterstützern der späteren Militärreform.

1802 stiftete Scharnhorst die Militärische Gesellschaft, welche als Keimzelle der späteren Militärreform gilt. Den Vorsitz hatte allerdings der General Ernst von Rüchel inne. Mit seiner Erhebung in den Adelsstand 1804 folgte die Beförderung zum Obersten und zeitgleich die Einsetzung als Stabschef beim General von Rüchel und später beim Herzog Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Bereits in diesen Jahren entwarf er Pläne zur Einführung einer Nationalmiliz. Allerdings müssen ihn die ersten Gedanken dazu schon 1798 gekommen sein, wie dieses Zitat zeigt: „Wir werden erst siegen können, wenn wir gelernt haben, so wie die Jakobiner den Gemeingeist zu wecken. Wenn man mit derselben Tatkraft und Rücksichtslosigkeit alle Hilfsquellen der Nation mobil machen wird, ihre Leiber, ihr Vermögen, ihren Erfindungsgeist, ihre Hingabe zu dem Heimatboden und nicht zuletzt die Liebe zu den Ideen.“ Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806 durfte Scharnhorst nur ein Jahr später endlich mit seinen Reformen innerhalb des Militärs beginnen. So wurde er zum Vorsitzenden der Militär-Reorganisationskommission ernannt, um das preußische Heer aus dem fridizianischen Tiefschlaf zu holen. Weitere Mitglieder der Kommission waren u. a. die bereits erwähnten Personen von Clausewitz und von Gneisenau.[iv]

Zu den grundlegensten Reformen zählten die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Abschaffung der Prügelstrafe und die Schaffung einer Landwehr oder Freikorpstruppe. Detailliertere Informationen zur Wehrpflicht und Landwehr- bzw. Freikorpstruppe können hier nachgelesen werden. Außerdem war es Bürgerlichen fortan erlaubt, eine Offizierslaufbahn anzustreben. Wie bereits erwähnt, durften nur Adlige, unabhängig von Qualifikation oder Fähigkeiten, die Offizierslaufbahn einschlagen. Überlegungen gab es außerdem bei der Taktik. So sollte zwar die Lineartaktik in der Infanterie beibehalten bleiben, allerdings mit der französischen Tirailleur- und Kolonnentaktik kombiniert. Des Weiteren setzte sich Gneisenau für die Stiftung des Eisernen Kreuzes als Verdienstorden ein, welcher ab 1810 an sämtlichen Fronten der Geschichte verliehen wurde. Das Neue war dabei, dass, unabhängig von Stand und Rang, jeder Soldat für besondere Verdienste ausgezeichnet werden konnte.

Scharnhorsts Vermächtnis

Seine Leistungen, die er im Militär erbrachte, wurden und werden natürlich in der Nachwelt gewürdigt. So wurden nicht nur Schiffe der Kriegsmarine beider Weltkriege nach ihm benannt, sondern auch sämtliche Ortsteile, Schulen, Bundeswehrschulen und Kasernen, welche noch heute seinen Namen tragen. Zudem erinnert das Eiserne Kreuz an Scharnhorst. Wurde es doch, wie oben bereits erwähnt, auf seine Initiative hin als Verdienstorden gestiftet. Noch heute werden wenigstens die Fahrzeuge der Bundeswehr damit verziert. Ferner wurde die Gründung der Bundeswehr bewusst auf Scharnhorsts 200. Geburtstag, am 12.11.1955 gelegt. Zu seinem 250. Geburtstag fand in seinem Geburtsort Bordenau außerdem ein feierliches Gelöbnis statt, welches den feierlichen Abschluss der im Jahre 2005 stattfindenen Veranstaltungsreihe „50 Jahre Bundeswehr“ bildete. Auch das Militär der ehemaligen DDR, die Nationale Volksarmee (NVA), hatte Scharnhorst für sich entdeckt. So wurde ihm zu Ehren ab dem Jahre 1966 von der DDR der Scharnhorstorden für besondere Dienste verliehen.[v]

Zur Person Scharnhorst lässt sich abschließend beurteilen, dass nur durch die Leistungen des „Bauernlümmels“ – wie ihn seine adligen Kritiker, welche sich über seine Herkunft lustig machten, zu bezeichnen gedachten[vi] – und seiner Mitreformer, Napoleon erfolgreich besiegt werden und Preußen somit als deutsche Militärmacht am Tisch der großen europäischen Mächte Platz nehmen konnte.

Anmerkungen

[i] Vgl. G. Fesser (26.06.2013) Gerhard von Scharnhorst.

Soldat, aber Selbstdenker. Gerhard von Scharnhorst – preußischer Heros, stiller Revolutionär, Patron der Bundeswehr. Ein Porträt zum 200. Todestag, in: http://www.zeit.de/2013/26/gerhard-von-scharnhorst (Abgerufen am 18.07.2017).

[ii] Vgl. ebd.

[iii] Vgl. ebd.

[iv] Vgl. ebd.

[v]Vgl. Unbekannt (o.D.), Scharnhorst-Orden, in: http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Scharnhorst-Orden (Abgerufen am 19.07.2017).

[vi] Vgl. D. Miller, Die Junker und die preußisch-deutsche Geschichte. Auf den Spuren einer untergegangenen Gesellschaftsklasse, Berlin 2016, S. 103.

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