Für eine neue Aristokratie

– Verfasst von Wolfgang Bendel –

Die Aristokratie[1] gründete auf den vornehmen Empfindungen: Treue, Schutz, Dienst. Die übrigen politischen Systeme gründen auf gemeinen Gefühlen: Egoismus, Habgier, Neid, Feigheit. (Dávila)

In den Jahren nach der Französischen Revolution versuchte der römische Pöbel den Palazzo des  Herzogs von Braschi-Onesti zu stürmen. Die Demonstranten wollten den hohen Adligen sprechen und verlangten, dass zu diesem Zweck die Tore des Anwesens geöffnet würden. Kurz darauf flog das Tor auf, und der Herzog erschien in vollem Ornat, begleitet von einigen livrierten Dienern. Diesem befahl der Aristokrat, Geld mit vollen Händen unter die tobende Menge zu werfen. Als sich diese um die Silber- und Goldstücke zu balgen begann, ließ er sich eine Peitsche geben, mit der er begann, die Krawallbrüder auseinander zu jagen. Der Platz leerte sich augenblicklich. Der Herzog kehrte in seinen Palast zurück und ließ die Türe hinter sich ins Schloss fallen.

Es geht mir bei dem genannten Vorgang nicht darum, darüber zu philosophieren, ob das Ansinnen der Demonstranten gerechtfertigt war oder nicht, sondern darauf hinzuweisen, dass man das Verhalten des Herzogs als mutig, als im wahren Sinne des Wortes aristokratisch zu bezeichnen hat. Heutige Machthaber brächten nie und nimmer denselben Mut, dieselbe Entschlossenheit und Raffinesse auf, wie es der italienische Adlige tat. Unsere ach so fabelhaften demokratischen Politiker würden sich zweifellos hinter einem Schutzwall von Bereitschaftspolizisten verstecken und Sorge tragen, im Notfall mittels eines Hubschraubers flüchten zu können. Keiner von ihnen hätte den Mut, dem wildgewordenen Pöbel Auge in Auge gegenüberzutreten. Oder wie  Joachim Fest in seinem Italienbuch [2] einen seiner dortigen Gesprächspartner in Bezug auf obigen Vorfall sagen lässt:

„ ‚Ecce homo!‘[3] schloss Caprievi seine Erzählung (…) Das gelte übrigens für beide Seiten, nicht nur für den Pöbel, der immer gierig und feige sei. Sondern auch für die Mächtigen, die, wie die Geschichte lehre, nicht zu aller Zeit gierig und feige waren, es heute aber meistens sind.“ (Hervorhebung WB)

Wortherkunft des Begriffes Aristokratie

Das Schlüsselwort der altgriechischen Ethik war der Begriff arete. Er kann mit den Worten Tüchtigkeit, Tapferkeit und Tugend übersetzt werden. Derjenige, der über arete verfügte, wurde als aristoi  bezeichnet. Von diesem Wort wiederum stammt der Ausdruck Aristokrat ab. Und ein Staatswesen, in dem Aristokraten herrschen, nennt man Aristokratie. Solche Herleitungen ins Gedächtnis zurück zu rufen, sind von großer Wichtigkeit, da gerade in Zeiten allgemeiner geistiger und intellektueller Gleichschaltung die Begrifflichkeiten umgedeutet und verfälscht werden. Der brasilianische Philosoph Luiz Felipe Pondé[4] fand eine schöne Definition für das Wort Aristokrat: „Der Aristokrat ist derjenige, der von sich aus auf seinen Beinen steht, weil er über innere Kraft oder Charakter verfügt.“ Übrigens ist die lateinische Entsprechung für arete die Bezeichnung virtus. Sie steht aber nicht nur für Tapferkeit oder Tugend, sondern auch für Mannhaftigkeit. In unserer Alltagssprache hat der Begriff virtus in dem Wort virtuos überlebt. In den romanischen Sprachen besitzen von virtus abgeleitete Begriffe durchweg einen positiven Charakter. So z.B. das spanische Wort virtud für Rechtschaffenheit, Mut. Zusammengefasst kann man sagen, dass im kollektiven Gedächtnis der Völker, also in ihrem Sprachgebrauch die Begriffe arete und entsprechend virtus etwas Gutes, Erstrebenswertes ausdrücken wollen.

Welche „Aristokraten“ nicht gemeint sind

An dieser Stelle ist der Hinweis unabdinglich, dass der Personenkreis, der heutzutage die Seiten der yellow-press bevölkert und unter dem Begriff „Europäischer Hochadel“ subsumiert wird, sich nicht dazu eignet, eine neue Aristokratie zu formen. Auch wenn Ausnahmen die bekannte Regel bestätigen, so handelt es sich bei diesen Leute um kleptomanisch und narzisstisch konditionierte Menschen, denen nichts unwichtiger ist als die Lebensinteressen der Völker, denen sie formal vorstehen. Die europäischen Aristokratien kennzeichnen sich durch ein Totalversagen aus, das sich durch die letzten Jahrhunderte zieht wie ein roter Faden. Sie waren unfähig und unwillig, sich an den ethischen Eigenschaften auszurichten, die man ursprünglich mit der Begrifflichkeit Aristokratie assoziierte. Die Französische Revolution, die den Anfang vom Ende der europäischen und in der Folge auch der außereuropäischen Hocharistokratie in ihrer Eigenschaft als eigener Machtfaktor markierte, kann man somit weniger als einen Betriebsunfall der Geschichte bezeichnen, sondern vielmehr als die unvermeidliche  Konsequenz einer langanhaltenden Fehlentwicklung. Der Revolution von 1789 lagen materielle Ursachen zugrunde; die seinerzeitige Aristokratie hatte sich geistig, politisch, wirtschaftlich und sozial überlebt. Sie war zu einer erstarrten Herrschaftsform geworden, deren Protagonisten sich fast nur noch mit sich selbst beschäftigten.[5]

Vergleicht man die damaligen Verhältnisse mit den Vorgängen von heute, so bleibt zu konstatieren, dass sich in den europäischen Adelshäusern vom Grundsatz her nur wenig geändert hat. Formal erweckt man zwar den Eindruck, sich um die Untertanen zu kümmern und es werden auch zunehmend Bürgerliche geheiratet, dennoch bleibt ein wirkliches Interesse am Volkswohl die ganz große Ausnahme. Kein europäischer Adliger von Rang wagte es in den letzten Jahrzehnten, einmal Partei für sein Volk und gegen die herrschende, sich halbtotalitär gebärdende Politikerkaste zu ergreifen. Das Eigeninteresse und die Angst, vom Politbetrieb ins wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Abseits gedrängt zu werden, sind anscheinend so übermächtig, dass unerwünschte Interventionen im Interesse der anvertrauten Völker peinlich vermieden werden. Dieser Opportunismus wird durch den Beibehalt vererbter Privilegien belohnt. Die in alle Lebensbereiche eindringende und sich immer unduldsamer gebärdende Ideologie des linksliberalen Demokratismus in Tateinheit mit einem auf blanker Habgier basierenden Kapitalismus – für den Europäischen Hochadel kein Anlass zur Kritik. Erscheinungen der Degeneration, des angehenden Totalitarismus, der politischen und sozialen Erstarrung werden weder wahrgenommen noch problematisiert. Hedonistisches Ausleben der eigenen Triebe tritt an die Stelle von Idealen wie Tugend, Mut, Rechtschaffenheit. Von arete und aristoi keine Spur.

Einige Wenige sind besser als die breite Mehrheit

Dieses Thema anzusprechen, birgt in unserem „freiheitlichen Rechtsstaat“ erhebliche Risiken in sich. Man gerät schnell in den Verdacht der „Volksverhetzung“, wenn man darauf hinweist, dass die Menschen nicht gleich sind, sondern nur die gleichen Rechte besitzen. Natürlich hat jeder das Recht – egal ob Frau oder Mann, Kind oder Greis, schwarz oder weiß – Fußball zu spielen. Das bedeutet aber nicht, dass alle deshalb gleich erfolgreich auf den Lederball eintreten können. Es gibt eben nur einen Lionel Messi. Und nicht Milliarden. Diese Erkenntnis ist so banal, dass sich jedes weitere Wort dazu erübrigt. Möchte man meinen. Legt man sie aber auf das Feld der Politik um, so wird man sofort Opfer hysterischen Gezeters seitens selbsternannter Gutmenschen. Die „Mitbürger“ zu hierarchisieren, Unterschiede zwischen ihnen auszumachen oder gar diese Unterschiede zu feiern[6], sei zutiefst „menschenverachtend“ und ein schwerwiegendes Sakrileg wider die Glaubensgrundsätze der bundesrepublikanischen Zivilreligion.

 Seit der Französischen Revolution wird von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ schwadroniert, wobei in der Realität der aktuellen Demokratien nur noch die Forderung nach Gleichheit übrig geblieben ist. Brüderlichkeit und vor allen Dingen die Freiheit entschliefen sanft und wurden klammheimlich zu Grabe getragen.

Schon Platon und Aristoteles beschäftigten sich mit der Thematik der „Besseren“. In der Nikomachischen[7] Ethik weist Aristoteles darauf hin, dass die Besseren führen, während die anderen folgen müssen. Jeder fähige Lehrer weiß, dass er eine der größten Dummheiten begeht, wenn er glaubt, seine Schüler seien gleichermaßen in der Lage, das vermittelte Wissen in identischer Weise aufzunehmen und zu reproduzieren. Sinngemäß dasselbe gilt für alle Lebensbereiche. Egal ob im Fußball oder in der Schule, um führen zu können, braucht es gewisse Fähigkeiten, die eben nicht alle, sondern nur wenige haben: „Die Mehrheit neigt zu Feigheit und Schwäche“[8].

Der Bessere, der aristoi, der Aristokrat im traditionellen Sinn, leidet mehr als der normale Mensch. Er ist einsam, ein Objekt von Neid, Missgunst, manchmal sogar Hass. Er erkennt leichter die Zusammenhänge, die Chancen und Gefahren als die anderen und ist nicht zuletzt deshalb weit davon entfernt, auf Kosten der Mehrheit zu leben. Im Gegenteil, die anderen leben auf seine Kosten.

Die politisch korrekte Sprachregelung lautet hingegen ganz anders. Wer nicht in der Lage sei, mit den Besseren mitzuhalten, tue dies nicht aufgrund mangelnder Befähigung, sondern weil er arm, schwul, schwarz oder ein sonstiges Opfer äußerer, „gesellschaftlicher“ Umstände sei. Das soll natürlich nicht heißen, dass diese Personen früher nicht diskriminiert wurden oder noch werden. Aber sie zu Monopolisten des Leidens auf der Welt zu machen und ihr Unglück pauschal den Besseren anzulasten, führt in den Bereich der Irrationalität[9]. Da die Welt nun einmal schlecht ist, Machiavelli spricht von einer „schwachen, verlogenen, flatterhaften, treulosen Natur des Menschen“, erinnert alles Geschwurbel vom „mündigen Bürger“, von der „Zivilgesellschaft“, von der „geläuterten Demokratie“, vom „Aus-der-Geschichte-Lernen“ in seiner Inhaltslosigkeit, um nicht zu sagen Dämlichkeit lediglich an die von Comicfiguren abgesonderten Sprechblasen.

Die Gleichheit liebt die Mittelmäßigkeit

Diese Bemerkung stammt von Tocqueville in seinem berühmten Werk „Über die Demokratie in Amerika“[10]. Es wäre übertrieben zu sagen, die Demokratie sei die Herrschaft der Minderwertigen. Richtiger ist die Formulierung, die Demokratie ist die Herrschaft der Mittelmäßigen. Was aber würde der Vorstellung widersprechen, in einem Staatswesen sollten die Besten herrschen? Auf allen Gebieten, ich wiederhole mich gerne, dominieren die Besten, die Schnellsten, die Mutigsten, die Raffiniertesten. Nur auf dem Feld der Politik, die unser aller Schicksal in der Hand hält, in der über Wohl und Wehe, über unsere Zukunft entschieden wird, soll das plötzlich nicht mehr gelten? Eine wahrlich abstruse Idee.

Außergewöhnliches ist der Feind der Gleichheit. Der Rasenmäher, das Lieblingsspielzeug des angepassten demokratischen Spießbürgers, sorgt in der heimischen Kleingartenanlage für DIN-genormte Gleichheit, untadelige Ordnung und stramme Regelmäßigkeit, indem er alles beschneidet und verkürzt, das sich nicht unter- und einordnet. So wird jederzeit sicher gestellt, dass nur, was kriecht, überleben kann. Widerspenstiges, Nachdenkliches, Anderes, Neues, Ungewohntes – keine Chance, sich in einem System der Gleichheit zu entfalten. Wer aus dem Rahmen fällt, bleibt für immer draußen. Das Mittelmaß wird zur Norm, weshalb unsere demokratische Zivilisation in „ruhig, festem Schritt“ dem Untergang entgegen strebt. Keiner steckt den Kopf hervor und ruft zur Umkehr auf, und wenn er es trotzdem tut, wird der Kopf eben abgeschnitten. Die Rasenmähermentalität im Kopf der Mittelmäßigen kennt keine Gnade – weder im Kleingarten noch in ihrem gesellschaftlichen Umfeld.

Was tun bzw. was geschieht, wenn wir nichts tun?

Lenin stellte diese berühmte Frage und handelte, da er glaubte, alle Antworten zu besitzen. Heute aber haben sich die Fragen geändert. Was also wird geschehen, wenn wir weiter nichts tun?  Die politische Klasse, vom „Souverän“ zwar formal demokratisch legitimiert, hat sich mittlerweile von diesem so weit entfernt wie die adligen Sippen Europas vor der Französischen Revolution von ihren Untertanen. Bereits in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand der Begriff vom „Raumschiff Bonn“, um die Realitätsferne der damaligen Politiker zu karikieren. Mittlerweile verselbständigte sich die politische Nomenklatura in einer Art und Weise, dass man besser davon sprechen sollte, ihre Angehörigen lebten in einem anderen Universum.

Die Parallelen zur Epoche von vor 1789 sind in der Tat augenfällig. Da agiert wieder einmal eine vom Volk völlig losgelöste Clique[11], die sich um den Krümmungsgrad von Bananen sorgt, einen ungepflegten Haufen islamistischer Desperados im hintersten Busch der Sahelzone zu einer Gefahr für den Weltfrieden hochstilisiert, die „Westliche Wertegemeinschaft“ am Hindukusch verteidigen will und dabei gleichzeitig die Ressourcen der Menschheit mit einer Radikalität verschleudert, als rechne sie nicht mit Nachkommen. Die wahren Probleme real existierender Personen liegen diesen demokratischen Mustermenschen dabei ferner als der Andromeda-Nebel. Das erinnert in peinlichster Weise an Marie-Antoinette, der Gattin Ludwig XVI., die, als die französischen Bauern „Brot!“ forderten, lapidar meinte, sie sollten dann eben Kuchen essen. In Zeiten wie unseren kann man, sofern man nicht wundergläubig ist, schon erheblich ins Grübeln kommen, wenn man einen Blick in die Zukunft wagt.

Eine neue Aristokratie muss her – aber welche und wer sind die Träger?

Die unheilige Allianz von linksliberalem Demokratismus und enthemmtem Kapitalismus stellt mittlerweile eine ernsthafte Bedrohung für das Überleben der Menschheit als Spezies dar. Die Herrschaft der Mittelmäßigen muss durch die Herrschaft der Besten abgelöst werden. Eine Forderung, die zwar leicht gestellt, aber sehr schwer umgesetzt werden kann.

Ein entspannter Blick auf die letzten paar Jahrtausende Menschheitsgeschichte macht eines deutlich: Die Aristokratien waren der Normalfall, die Demokratien die Ausnahmen institutionalisierter  Herrschaftsausübung über menschliche Großgruppen. Ein „Zurück“ zur Aristokratie ist mithin kein Rückfall in barbarische, vergessene Zeiten, sondern die Wiederkehr gesellschaftlicher Normalität.

Eine andere Richtung bekommt die Fragestellung, wenn man untersucht, welche Aristokraten denn die Träger einer erneuerten Aristokratie sein sollten. Dass der verbleibende Hochadel in seiner übergroßen Mehrheit dafür nicht in Frage kommt, wurde bereits gesagt. Die Versuche, die Nachkommen ehemals regierender Häuser mit der Lenkung von Staaten zu betrauen, scheiterten kläglich, wie zuletzt das Beispiel Bulgarien bewies.[12] Auch das Verhalten des noch von Franco eingesetzten spanischen Königs Juan Carlos ist nicht zur Nachahmung geeignet, wenn man mehr will als ein endloses „Weiter so!“

An diesem Punkt wird die Frage interessant, wie denn Aristokratien überhaupt entstanden. Wie eingangs bereits ausgeführt, ist die Aristokratie die Herrschaftsform der Besten. Schon in prähistorischer Zeit, als noch das Naturrecht galt, wurden die menschlichen Sippenverbände und Stämme von denjenigen Jägern und Kriegern geführt, die sich als am fähigsten herausgestellt hatten. Sobald sich diese Verbände strukturierten, sesshaft wurden und kulturelle Aktivitäten entfalteten, kamen andere Eigenschaften hinzu, die bestimmte Personen für Führungsrollen prädestinierten: Organisationsfähigkeit, Weitblick, das Erkennen von Zusammenhängen und von Naturgesetzen in einer barbarischen Welt.

Im weiteren Verlauf der Geschichte, als die Staatswesen, wie wir sie heute kennen, sich noch in statu nascendi[13] befanden, bekamen die Führer ihre  heute weithin bekannten Titel: König, Fürst, Herzog, Graf. Ich kann hier aus Platzgründen nicht die Etymologie all dieser Begriffe nachzeichnen, weshalb ich mich auf das Wort Herzog beschränke. Es stammt von dem althochdeutschen herizogo, was bedeutet, „der vor dem Heer zog“, ab. Die in anderen europäischen Sprachen synonym verwandten Ausdrücke für Herzog wie duke (engl.), duque (port., span.), duca und duce (ital.) leiten sich vom lateinischen dux ab, was Anführer heißt. Die damaligen Adligen zogen also vor dem Heer und versteckten sich nicht hinter der von ihnen eingesetzten Militärmacht, wie es demokratische Politiker regelmäßig tun. Die Herzöge hatten also das größte Risiko in der Schlacht, während „unsere“ Führer das kleinstmögliche Risiko suchen. Deutlicher kann man nicht nachweisen, wie himmelweit der Unterschied zwischen den Adligen des Früh- oder Hochmittelalters und den Adligen von heute geworden ist. Um von unseren Allerweltspolitikern gar nicht zu sprechen. Die historischen Erfahrungen, die die Menschheit mit aristokratischen Gesellschaften und aristokratischem, noblem und ritterlichem[14] Verhalten gemacht haben, dürfen nicht unter einem Mantel aus pseudohumanistischer Phraseologie versteckt werden.

Dieser Aufsatz kann nicht mehr als ein Denkanstoß sein, der zur Diskussion anregt.  Das unwiderrufliche Scheitern der Massendemokratie, das sich bereits jetzt in den totalitären Tendenzen unserer „Westlichen Wertegemeinschaft“, den immer weiter ausufernden Denkverboten,  einer ins Absurde abgleitenden Verschuldung und in einer Kontroll- und Überwachungswut sondergleichen ankündigt, schreit geradezu nach Alternativen. Aristokratische Elemente in die Formen von Herrschaft und Macht einzubauen, wäre eine solche Alternative. Allerdings dürfen alte Fehler wie das Abstammungsprinzip und die Undurchlässigkeit für fähige Personen, die von unten kommen, nicht wiederholt werden. In jedem Fall ist das Weiterwursteln der Mittelmäßigen, die sich mittels einer Melange aus Unfähigkeit, Größenwahn und Niedertracht an ihre Privilegien klammern wie der Heroinsüchtige an die Nadel, kein Zukunftsmodell für die Spezies Mensch auf diesem Planeten.

Anmerkungen

[1] Dávila benutzt in dieser Scholie den Begriff Feudalismus. Da er aber Feudalismus und Aristokratie zumeist als Synonyme verwendet, scheint es auch wegen unserer Thematik angemessen, ein wenig verbal „umzujustieren“.

[2] Joachim Fest, Im Gegenlicht – eine italienische Reise, Reinbek bei Hamburg, Juni 2007

[3] “Siehe, der Mensch!” (lat.)

[4] Luiz Felipe Pondé, Guia politicamente incorreto da Filosofia, São Paulo 2012

[5] Wilhelmine von Bayreuth (1709 – 1758) beschreibt in ihrer Autobiographie „Eine preußische Königstochter“, Frankfurt am Main 1990,  anschaulich, wie sich das Leben am Potsdamer und Berliner Hof abspielte. Alles drehte sich innerhalb des Mikrokosmos der höfischen Gesellschaft. Es wurde gar nicht der Versuch gemacht, nach außen zu wirken, den Untertanen Vorbild zu sein bzw. für deren Situation Verständnis oder gar Mitgefühl aufzubringen. Gefühlskälte, chaotische, schier endlose Heiratsintrigen, weitgehendes Desinteresse an politischen Vorgängen und am Wohl des gemeinen Volkes kennzeichneten das Dasein der adligen Sippen. Dass ein solcherart degeneriertes Herrschaftssystem keine Perspektiven hatte, liegt auf der Hand.

[6] “Celebramos a diferença entre homem e mulher”. “ Wir feiern den Unterschied zwischen Mann und Frau“ – dies war das Thema eines dreitägigen Seminars für verheiratete Paare einer baptistischen Kirche in Brasilien, an der ich 2012 mit meiner Frau teilnahm. In Deutschland hätte diese Veranstaltung gute Chancen gehabt, wegen „Volksverhetzung“ durch die bundesrepublikanische Religionspolizei, den Verfassungsschutz kriminalisiert und mit Gewalt aufgelöst zu werden.

[7] Nikomachos war der Sohn des Aristoteles. Mit der Veröffentlichung der „Nikomachischen Ethik“ legte Aristoteles die Grundlagen der europäischen Ethik.

[8] Pondé, a.a.O., S. 39

[9] Die durch die Theorien von Marcuse, Habermas, Horkheimer etc. weichgekochten Neomarxisten (vulgär Linksliberale oder Gutmenschen genannt) ersetzten mittlerweile die Arbeiterklasse durch alle denkbaren Minderheiten, um durch diese Hintertür ein neues revolutionäres Subjekt zu generieren, nachdem die ursprünglich für diese Rolle vorgesehene Arbeiterklasse ihnen die lange Nase gezeigt hatte und ins Kleinbürgertum aufgestiegen war.

[10] Ein weiteres lesenswertes Werk, das die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Gleichheit und Freiheit zum Inhalt hat:  Erik von Kuehnelt-Leddihn, Gleichheit oder Freiheit? Demokratie – ein babylonischer Turmbau? Tübingen/Zürich/Paris 1985.

[11] Anfang 2013 wurde bekannt, dass 4 000 EU-Beamte mehr verdienen als die deutsche Bundeskanzlerin: http://www.welt.de/print/wams/article113335320/Ueber-4000-EU-Beamte-verdienen-mehr-als-Merkel.html

[12] 2001 wurde der ehemalige Monarch Bulgariens, Simeon II. von Sachsen, Coburg und Gotha, mit über 43% der Stimmen zum neuen Regierungschef des Balkanlandes gewählt. Der Jubel war groß, die Erwartungen hoch, wahrscheinlich zu hoch. Jedenfalls kam die Ernüchterung recht schnell, als sich herausstellte, dass der mit bürgerlichem Namen Sakskoburggotski genannte neue Premier noch unfähiger war als seine demokratischen Vorgänger. 2005 wurde seine Partei stimmenmäßig halbiert und scheiterte 2009  mit kläglichen 3% der Stimmen an der Sperrklausel.

[13] Im Zustand des Entstehens (lat.)

[14] Es ist alles andere als ein Zufall, dass aristokratische Begriffe wie „nobel“ und „ritterlich“ auch noch nach vielen Jahrhunderten einen so überaus positiven Klang haben. Und zwar in allen indoeuropäischen Sprachen.

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2 Gedanken zu „Für eine neue Aristokratie

  1. Das Königin Marie Antoinette zugeschriebene Kuchen-Zitat ist nachweislich falsch, wie ein Artikel in der WELT nachweist. https://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article13386586/Der-Kuchen-der-Marie-Antoinette.html
    Dort steht unter anderem:

    Auch der Kuchen-Spruch ist nachweislich nicht [Königin Marie Antoinette] zuzuschreiben. Es fehlt jeglicher Beleg, wann Marie Antoinette es zu wem gesagt haben könnte. Vielfach gibt es dagegen Briefstellen, in denen sie sich für die Notleidenden ausspricht. Schließlich findet sich der Satz in den Memoiren des Philosophen Jean-Jacques Rousseau: „Endlich erinnerte ich mich des Notbehelfs einer großen Prinzessin, der man sagte, die Bauern hätten kein Brot, und die antwortete: Dann sollen sie Brioche essen!“ Rousseau schrieb dies in den 60er-Jahren, als Marie Antoinette, gerade zehn Jahre alt, in Wien lebte, keinesfalls eine „große Prinzessin“. Veröffentlicht wurde das Buch 1782, als Marie Antoinette bereits unter fortgesetztem Verschwendungsverdacht stand.

    Andere Quellen schreiben den Satz Maria Theresia von Spanien (1638-1683) zu, der ersten Frau Ludwigs XIV. Nach der Revolution wurden die Töchter Ludwigs XV. damit bedacht. Historiker haben dafür den Begriff Wanderanekdote gefunden, eine Geschichte, die so schön ist, dass sie frei durch die Jahrhunderte geistert.

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