Notizen zu „Metapolitik: Theorie – Lage – Aktion“

– Verfasst von Peter Steinborn –

Während der metapolitische gramscianische Ansatz bereits seit Jahrzehnten in der französischen „Nouvelle Droite“ vertreten wird, fand dieser vor allem auf publizistischer Ebene in Deutschland kaum statt. Die „Eroberung des vorpolitischen Raumes“ wurde zwar vereinzelt postuliert, dennoch finden sich in der Realität keine nennenswerten Versuche, die Theorie Antonio Gramscis von rechts angewendet tatsächlich umzusetzen. Der Rechtsanwalt Dr. Dr. Thor von Waldstein verhalf mit seinem in der Kaplaken-Reihe des Antaios Verlags veröffentlichten Text „Metapolitik: Theorie – Lage – Aktion“ diesem Umstand Abhilfe zu verschaffen.

So kann die 55 Seiten umfassende Arbeit, welche auf einem Festvortrag, gehalten auf dem II. Staatspolitischen Kongress am 13. Juni 2015, als ein überschaubares und empfehlenswertes Werk bezeichnet werden, welches sich als kleiner Leitfaden für den identitären Aktivisten dienlich erweisen sollte. Ausgehend von seinem eigenen politischen Einstieg analysiert von Waldstein die politische sowie gesellschaftliche Lage seit den 1970er Jahren und leitet den Begriff der Metapolitik über die Sphäre der klassischen Politik sowie des Weber‘schen Macht- und Herrschaftsbegriffes hinausgehend ab. Metapolitik bedeutet grundlegend, das politische sowie gesellschaftliche Klima für eine mögliche Realpolitik vorzubereiten. Demnach sei die „Gretchenfrage für jede Herrschaft (…) ob es ihr gelinge, ‚den Glauben an ihre Legitimität‘ zu erwecken und zu pflegen“. Metapolitik ist also – auch etymologisch betrachtet – „das hinter der Politik befindliche“. Dabei bezieht sich der bekannte Rechtswissenschaftler auf den italienischen Marxisten Antonio Gramsci, welcher in seinem ein Jahrzehnt andauernden Gefängnisaufenthalt unter der Regierung Mussolinis das Scheitern der marxistischen Revolution in Italien resümierte. Gramsci starb im Gefängnis, hinterließ der Nachwelt jedoch seine Gefängnishefte, in denen er u.a. den metapolitischen Ansatz ausformulierte. Thor von Waldstein, der selbst aus der Schule der „Nouvelle Droite“, also der französischen Neuen Rechten, kommt, überträgt die in Frankreich bereits seit Jahrzehnten erkannten Tatsachen auf die deutsche Literatur.

Die linksliberale Bundesrepublik als Ergebnis metapolitischer Arbeit

Der Kaplaken-Autor benennt die wichtigsten metapolitischen Programme seit 1945, welche „dadurch gekennzeichnet (sind), daß es ihnen gelungen ist, die Deutschen dazu zu bringen, sich freiwillig von der Lebensart, von den Grundüberzeugungen und von der Charakterhaltung ihrer Väter und Vorväter zu verabschieden und sich einem Lebensstil zuzuwenden, bei dem einstmals allgemein anerkannte Werte wie Nation, Volk, Familie, Glaube, Treue, Demut, Aufopferungsbereitschaft etc. bestenfalls der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn nicht gar als protofaschistisch o.ä. diffamiert werden“. Angefangen von der Reeducation 1945 über die Frankfurter Schule aus den 1950er Jahren, der freudo-marxistischen Kulturrevolution von 1968 bis hin zum heute uns plagenden Gender-Mainstreaming-Wahn seit 2000, wurden die deutschen Charaktere nahezu „gewaschen“ und einer radikalen Transformation unterzogen. Der in Mannheim geborene Publizist stellt die „soziale Haut“ der Bundesrepublik als das entscheidende Fundament heraus, auf dem die Macht und Herrschaft derselben beruhen. Das „politische Wellnessgefühl“, welches in der bundesrepublikanischen Propagandamaschinerie jeden Tag aufs Neue beschworen wird, sorgt dafür, dass „die da unten“ – wenn auch mit einem gewissen Unbehagen – weiter mitmachen, was „die da oben“ von ihnen wollen. Der herrschende Linksliberalismus, so konstatiert von Waldstein,  steht noch lange nicht vor seinem Zusammenbruch, wenn auch gleich sein „metapolitische(s) Fundament (…) an einigen Stellen bröckelt“.

Die parteipolitische Sackgasse

Seit 1949 gab es diverse rechte bzw. nationalkonservative Parteien, welche den Versuch unternahmen, an der politischen Willensbildung in Deutschland zu partizipieren und diese geistesgeschichtliche Entwicklung umzukehren. Heute ist hinlänglich bekannt, dass keine dieser Parteien einen über zehn Jahre hinauskommenden nennenswerten Erfolg erzielten; von der eben benannten Partizipation an der politischen Willensbildung in Deutschland ganz zu schweigen. Dabei verschont von Waldstein auch die erst seit 2013 bestehende AfD nicht. Diese stand bereits im Jahre 2015, also nach knapp zweieinhalb Jahren Parteiexistenz, vor ihrer ersten inneren Zerreißprobe[1].

Für diese offenbar determinierte Erfolglosigkeit von Parteiorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland machte von Waldstein drei Gründe ausfindig:

  1. Die strukturelle Unterlegenheit (fehlende institutionelle Unterstützung für oppositionelle Parteien aufgrund der Okkupation aller für das Wahlvolk relevanten Gremien und Einrichtungen durch das parteipolitische Kartell)
  2. Die charakterliche Negativauslese bei den rechten bzw. nationalkonservativen Parteien (Das eherne Gesetz der Oligarchie (https://gegenstrom.org/2017/03/06/von-ausgetrampelten-pfaden-oder-warum-parteien-keine-ewigkeitsgarantie-haben/); Zermürbung des Akteurs im parteipolitischen Kampf durch langatmige Sitzungen, Parteitage und Gremienveranstaltungen; Zwang zur Schaffung von Seilschaften usw.)
  3. Die Gründung einer Partei im kulturellen Niemandsland (kein entsprechender Nährboden, schlechtes politisches sowie gesellschaftliches Klima für rechte Parteien, Unterlassung des vorhergehenden Versuchs der gesellschaftlichen Einflussnahme; Kulturrevolution von rechts)

Letztlich schließt er den Gedanken einer Parteigründung nicht komplett aus dem revolutionären Verständnis aus. Dennoch verweist er auf die Erkenntnisse Gramscis, der den vorhergehenden kulturrevolutionären Kampf postulierte. Ohne einen gesellschaftlichen Klimawandel und der Eroberung des vorpolitischen Raums (Metapolitik) wird die nationalkonservative oder rechte Partei scheitern müssen, wie auch all ihre Vorgängerinnen.

Chancen und Grenzen erfolgreicher metapolitischer Arbeit

Thor von Waldstein liefert aber, hingegen vielen anderen rechten Theoretikern, nicht nur eine Lagebeurteilung, sondern leitet aus der vorhergehenden Theorie und der Empirie auch Lösungsansätze ab. So weist er den metapolitischen Kampf als den härteren gegenüber dem auf der Straße stattfindenden aus, obgleich er keines von beiden nivelliert. Im Gegenteil weiß er dem Leser zu vermitteln, dass „beides – plakatives Bekenntnis nach außen und die spitze Feder, die versucht, weiteres geistiges Terrain zu erobern – (…) sich hervorragend ergänzen, jedenfalls dann, wenn auf der Straße nicht nur Aktion, sondern auch Verstand und am Schreibtisch nicht nur Klugheit, sondern auch Tatendrang walten“. Er warnt jedoch zugleich vor einem „überbetonten Intellektualismus, der Wirkungskraft und Wert des Unbewußten ebenso vernachlässigt wie die Gefühls- und Willenskraft des Lesers oder Zuhörers“. Demzufolge muss es neben der Vermittlung von rationalem Wissen und Argumenten auch darum gehen, Emotionen zu versprühen. Damit erweist sich der Autor als ein Exot unter den rechten bzw. Konservativen, die immer wieder das Postulat von der Wahrheit und der naturwissenschaftlichen Vernunft erheben, jedoch weiterhin erfolglos bleiben, da sie die Kraft einer großen übergeordneten Aufgabe ignorieren.[2] 

Für von Waldstein stehen fünf Punkte bei der Umsetzung einer erfolgreichen metapolitischen Strategie im Vordergrund:

  1. Mut zur Setzung eigener Themen
  2. Kampf um die Sprache
  3. Kampf um die Köpfe
  4. Mut zur Provokation
  5. Ende der Distanzeritis

Ausblick

Letztlich ist der Schluss angesichts der vorhergehend behandelten Aspekte logisch und stringent für den Leser zu folgern. Es geht um die Umsetzung einer klar definierten metapolitischen Strategie. Dabei warnt von Waldstein, dass „Metapolitik kein Zaubermittel“, jedoch für einen politischen Klimawandel essentiell sei. Er vergleicht diesen Prozess mit dem von dem berühmten Naturforscher Konrad Lorenz untersuchten simultanen Losfliegen von Zugvögeln. Lorenz fand heraus, dass ganze Schwärme, welche aus annähernd 300.000 Tieren bestehen, durch die Vorbereitung einzelner Zugvögel gleichzeitig abheben. Einzelne Pioniervögel heben zunächst wenige Meter vom Boden ab, um dann wieder auf dem Boden zurückzukehren. Bei gleichzeitiger Wiederholung des Abhebens fliegen auch die daneben stehenden Zugvögel gen Himmel. Ergebnis ist ein harmonisch sich fortführender Schwarm, ein natürliches Phänomen. Diese Flugstimmung gilt es also zu erzeugen. Gramsci, Benoist und Waldstein haben theoretisch aufgezeigt, auf was es ankommt. So fordert der Rechtswissenschaftler die Identitären dazu auf, sich jenes Bild vom Vogelschwarm zum Vorbild zu machen und selber mitreißendes Vorbild für andere zu werden. Es geht darum selber einen Trend zu setzen. Es muss darum gehen, nicht mehr länger ein von den Umständen Getriebener, sondern ein die Umstände Vorantreibender zu sein. Lenin sagte einmal treffend, dass die revolutionäre Situation dann erreicht sei, wenn „die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen“. Auch von Waldstein deutet zum Schluss seines Werkes die sich abzeichnende wirtschaftliche und/oder außenpolitische Misere der Bundesrepublik an, die dazu führen könnten, dass  „das Establishment schnell vor Herausforderungen gestellt wird, denen es nicht gewachsen ist“. Richtig fordert er angesichts der Tatsache, dass solche Momente in der Geschichte sich nicht erzwingen lassen, den Revolutionär dazu auf, geduldig zu sein, sich jedoch auf den Zeitpunkt entsprechend vorzubereiten. Diese soll das fremdbestimmte Volk bewahren „bis zu dem Tage, an dem es nur noch eine Tugend gibt, nämlich diese Geduld zu verlieren.“

Anmerkungen

[1] Betrachten wir die Entwicklung nach dem Austritt der liberal-libertär geprägten Leute um Bernd Lucke, hat zwar ein Rechtsruck eingesetzt, jedoch stehen sich wieder zwei ideologisch konträr zueinander sich verhaltende Flügel gegenüber. Dies wirkt sich auch auf die Wahlergebnisse aus. Die Erfolge für die AfD waren bei den letzten Wahlen in NRW und Schleswig-Holstein verhältnismäßig schlecht ausgefallen und die Umfragewerte für die baue Alternative befinden sich ebenfalls in einem Abwärtstrend.

[2] Auf diesem Blog wurde bereits vermehrt auf die massenpsychologischen Aspekte von Trotter, Le Bon und Bernays eingegangen.

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Ein Gedanke zu „Notizen zu „Metapolitik: Theorie – Lage – Aktion“

  1. Über den Erfolgsmöglichkeiten einer Partei hinsichtlich realer Einflußnahme kann gestritten werden.
    Ich möchte aber auf einen wichtigen Aspekt hinweisen :
    Die Wahlergebnisse der AfD können als ein Indikator für geänderte gesellschaftliche Haltungen betrachtet werden.
    Sie dienen der Sichtbarmachung einer ansonsten stummen Bevölkerung.
    Diese Teile der Bevölkerung sind stumm , weil sie wissen , daß Ihre Ansichten im medial bestimmten öffentlichen Raum nicht sozial adäquat sind.
    Unter diesem Aspekt ist die AfD ein wichtiger Indikator.
    Er lehrt aber auch , daß die Anschlußfähigkeit an breitere Bevölkerungsschichten stets im gemäßigtem , konziliantem Rahmen beruht.
    Die NPD , die Republikaner , den 3.Weg und all die anderen Splitterparteien hätte man lange Zeit ja auch wählen können. Hat aber kaum jemand. Diese Parteien waren offensichtlich für das Zielgruppe zu radikal und damit abstoßend.
    Dies ist die Frage , der sich die AfD ebenfalls zu stellen hat.
    Gelingt es ihr , die radikalen Ränder zu mäßigen oder geht sie den Weg , den die Republikaner gegangen sind.
    Den Weg in die Bedeutungslosigkeit.

    Mit freundlichem Gruß
    Typhoeus

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