Geopolitik heute

– Verfasst von Karl Moor –

Der Begriff Geopolitik, vom griechischen Wort „geo“, was Erde bedeutet, kann auch als Weltpolitik bezeichnet werden. Aber die Geschehnisse in der Welt sind nur die Aktivitäten der Menschen und wenn es dabei zu organisierten und zweckdienlichen Aktionen von Staaten kommt, dann sprechen wir von Geopolitik. Geopolitik ist also die Interessendurchsetzung von Staaten auf der internationalen Bühne.

Die weltpolitisch relevanten Staaten zum Beginn des neuen Jahrtausends sind die USA, die Russische Föderation und die Volksrepublik China. Erstere errangen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre weltpolitische Bedeutung und lösten damit die von der Geschichtswissenschaft als imperialistisch bezeichneten Staaten Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan ab. China entwickelte sich mit der Herrschaft der Kommunisten zu einem geopolitisch immer wichtiger werdenden Staat. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks schienen die USA den geopolitischen Zweikampf mit der Sowjetunion für sich entschieden zu haben und es drohte eine monopolare Neue Weltordnung. Dass dem heute nicht so ist, liegt am Wiedererstarken Russlands und an der unterschätzten Macht Chinas, sodass wir jetzt von einer tripolaren Welt sprechen können und nicht nur die zwei „Kalten Krieger“[1] betrachten sollten.

Wie funktioniert Geopolitik?

Alle souveränen Staaten haben ihre Interessen, die sie auch in der Welt vertreten müssen. Diese Gebiete, in denen die Interessen vertreten werden, nennt man Interessensphären oder Einflusszonen. Eben dieses Gebiet umfasst für die USA Nord- und Südamerika, Europa, den Nahen Osten und den Pazifik. Russlands Interessensphäre ist Eurasien, was somit auch die Staaten der ehemaligen Sowjetrepubliken mit einschließt. Als Chinas Einflusszone gilt Südostasien und der angrenzende Pazifikraum. Wo Interessensphären aufeinander treffen, kommt es zu Konflikten. Wer diese Konflikte zu seinen Gunsten entscheiden kann, stellt sich als der stärkere Staatsmann heraus. Doch besteht die große Kunst der Geopolitik darin, die Konflikte möglichst gewaltfrei zu gewinnen. Der geschickteste Geopolitiker wird veranschaulicht durch einen Puppenspieler, der – scheinbar – ohne direkte Beteiligung die Geschicke zu seinen Gunsten lenkt.

Mittel dieser Konfliktbewältigung sind wirtschaftliche Sanktionen, das Behindern der Arbeit des Gegners auf politischer Ebene, was durch das Veto-Recht der drei Großmächte in der UNO realisiert werden kann, oder der Entzug der moralischen Legitimität des Gegners durch einen geschickt geführten Info- und Medienkrieg.

Krieg ist das letzte Mittel in diesen Konflikten. Zudem scheint ein direktes militärisches Eingreifen in den jüngsten Konflikten nicht mehr Stärke zu demonstrieren, sondern eher das Gegenteil, weshalb man immer wieder Stellvertreter ins Rennen schickt.

Deutsche Geopolitik

 Dass die Regierung der Bundesrepublik keine eigenen Interessen verfolgt, liegt nicht daran, dass diese nicht bestünden, sondern an der Zugehörigkeit zur „Westlichen Welt“. Der Westen aber wird von den USA dominiert und diese benutzen die Partnerstaaten für ihre außen- und weltpolitischen Zwecke. Nach 1945 wurde Deutschland auch von den europäischen Nachbarn als „Meister des Todes“[2] beäugt und deshalb wurden die Gründung der Bundeswehr, der UNO und NATO- Beitritt von einigen kritisch gesehen. Doch heute genießt die BRD wieder ein gewisses Ansehen und deutsche Militärtechnik und militärische Unterstützung sind gern gesehen, wenn es um die Sicherung von westlichen Werten geht.

Nehmen wir nun einmal an, dass die politischen Verhältnisse in Deutschland heute andere wären, dass also die Außenpolitik selbst bestimmt werden könnte. Was wären deutsche Interessen ?

  1. Gewährleistung der Versorgung mit Rohstoffen
  2. Innere und äußere Sicherheit
  3. Versorgung mit Nahrungsmittel (inkl. Trinkwasser)[3]

Nun ist eine politische Wende in Deutschland schon ein sehr schweres Unterfangen, doch auch bis zu diesem nicht unmöglichen Szenario werden sich die weltpolitischen Gegebenheiten nicht großartig ändern. Deshalb ist eines klar, dass nämlich ohne Unterstützung einer der drei großen geopolitischen Mächte keine geopolitischen Ziele erreicht werden können. Wer heute noch immer darin befangen ist, Deutschland als Großmacht zu sehen, dem fehlt das Verständnis für die Realität.

Diese Art zu denken hat Nietzsche sicher zu der Aussage inspiriert, jede Mücke halte sich für den Mittelpunkt des Universums[4], jedoch gilt diese Feststellung auch für die anderen vormals imperialistischen Staaten. Europa als Ganzes hat seine weltpolitische Relevanz verloren, doch im Untergang liegt bereits ein neuer Keim. Denn ein mögliches Konzept für Deutschlands außenpolitische Zukunft ist die Idee Jungeuropas. Das andere liegt in der direkten Zusammenarbeit mit Russland und Eurasien.

Der Traum eines Jungen Europas war in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts von einigen Denkern, wie Pierre Drieu la Rochelle[5], vertreten worden, aber er ließ sich damals realpolitisch nicht verwirklichen. Das Konzept Jungeuropa baut auf dem Prinzip der 3 Ebenen der Identität[6] auf, welches einem Europäer seine lokale, nationale und zivilisatorische Identität zugesteht. Damals war der Traum Jungeuropas gedacht, um nationale Konflikte innerhalb Europas zu vermeiden und sowohl gegen Amerikanisierung als auch Bolschewisierung zu kämpfen und die europäische Kultur zu retten.

Solch ein Europa könnte auch eine neue geopolitische Macht werden. Ein junges Europa aber braucht den Zusammenhalt wirklich aller Europäer und die Russen sind nun einmal auch ein europäisches Volk. Doch für Russland ist der eurasische Gedanke viel zu wichtig, als dass man ihn für eine noch unverwirklichte Idee eines Jungeuropas aufgeben würde. Weder wird es sich auf einen Rückzug von dem rohstoffreichen asiatischen Landesteil einlassen, um ein junges Europa zu verwirklichen, noch auf die Zusammenarbeit mit russlandfeindlichen und mit der NATO paktierenden Staaten, wie aktuell Polen, dessen Regierung immer noch alte Feindbilder bedient, dabei aber nur dem Westen geopolitisch assistiert.

Es scheint also nur eine von beiden Alternativen möglich zu sein. Deutschland wird auch in einem Jungeuropa nicht viel mehr Rohstoffe aus den Partnerstaaten beziehen, wobei mit der verstärkten Zusammenarbeit mit Eurasien das Erbe eines 3000-jährigen Kulturkontinents geopfert wird. Aber Russland kämpft, entgegen unserer westlichen Berichterstattung, für die Freiheit aller Völker dieser Erde und vielleicht sind die Ideen von Jungeuropa und Eurasien doch gar nicht so widersprüchlich. Ein nicht transatlantisch gebundenes Europa würde sicherlich auch von einem eurasischen Russland unterstützt werden.

[1]https://gegenstrom.org/2017/01/31/kalter-krieg-2-0-die-gegenwaertige-rivalisierung-zwischen-dem-imperium-americanum-und-dem-russischen-baeren-und-seine-parallelen-zum-kalten-krieg-des-20-jahrhunderts/

[2]Celan, Paul: Todesfuge. Siehe: https://www.celan-projekt.de/todesfuge-deutsch.html

[3]Breuer, Gereon: Geopolitik – Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden. S. 5 f.

[4]Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

[5]http://podcast.jungeuropa.de/von-rechts-gelesen-sendung-05-benedikt-kaiser-ueber-pierre-drieu-la-rochelle/

[6]https://gegenstrom.org/2017/02/22/katalanischer-patriotismus-europaeischer-aufbruch-und-linke-solidaritaet-teil-i/

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4 Gedanken zu „Geopolitik heute

  1. und die Russen sind nun einmal auch ein europäisches Volk.

    Das stimmt so nicht. Russland ist ein Vielvölkerstaat und ein Teil seiner Bevölkerung ist europäisch. Ein einheitliches russisches Volk gibt es jedoch nicht – und noch weniger ist dieses rein europäisch.

    Aber Russland kämpft, entgegen unserer westlichen Berichterstattung, für die Freiheit aller Völker dieser Erde

    Dazu würde ich gerne ein paar mehr Infos haben wollen. Ich denke, dass Russlands Geopolitik nicht das Ziel verfolgt, dass alle Völker in Freiheit leben. Das zeigt sich allein schon an der Unterdrückung einiger Volksgruppe im eigenen Territorium (bspw. Tschetschenen). Ich halte diese Aussage bisher für ein verklärtes romantisiertes Bild über die aktuelle russische Politik.

  2. In Ihrer Argumentation machen Sie genau den Fehler, den Sie mir vorwerfen. SiE: ” Russland ist ein Vielvölkerstaat und ein Teil seiner Bevölkerung ist europäisch”, nur schrieb ich von Volk und nicht von Bevölkerung, was also ist an dieser Aussage falsch ?
    Mag sein, dass die Russen in der Zeit des “Tartarischen Jochs” einen gewissen mongoliden Einschlag erhalten haben, dieser wird in den Jahrhunderten aber nicht prägend für die russische Volksseele gewesen sein.

    Zum Thema “einheitliches Volk” lohnt sich die Lektüre Andreas Vonderachs, hier kurze und informative Links angefügt: https://sezession.de/1622/
    https://sezession.de/37160/

    Nun ja die Vereinheitlichung der Welt wird meiner Auffassung nach nur vom Westen verübt und seit dem Ende des Kommunismus ist der “Wilde Westen” nicht spurlos an Russland vorbei gezogen. Auch Putin hat nicht den großen Spielraum, den uns unsere Medien immer wahrmachen wollen. Ich will natürlich nicht leugnen, dass es Kreise gibt, die sowohl in Russland, als auch in Frankfurt, London und der US-Ostküste sitzen, die für die jetzige Welt (leider) prägend sind.

    Dass es den Konflikt mit den Tschetschenen oder anderen islamischen Turkvölkern gibt, leugne ich nicht, denn Sie haben richtig erfasst, dass Russland ein Vielvölkerstaat ist. Jedoch kann und wird sich Russland seinen Eurasischen Auftrag nicht nehmen lassen, da es sonst seine weltpolitische Macht einbüßt, was wiederum nur dem Westen (USA) zugute kommt.

    Aber Ihre Kritik ist dahingehend gerechtfertigt, weil es sich auch mit meiner Anschauung deckt, dass es einen Vielvölkerstaat gar nicht geben kann. Meine Ansichten dahingehend habe ich kurz in dem Artikel erklärt.
    https://gegenstrom.org/2017/02/22/katalanischer-patriotismus-europaeischer-aufbruch-und-linke-solidaritaet-teil-i/

  3. Rußland ist anders.

    Diesen Satz hat man möglicherweise schon einmal gehört. Doch worin begründet sich dieses Anderssein ?
    Samuel Huntington wies auf die alte Grenze zwischen der lateinischen Christenmission und der orthodoxen Christenmission hin. Nach dem Zerfall der Sowjetunion stellte sich für die nun freien Staaten Osteuropas die Frage nach der Zugehörigkeit und der Identität. Wer bin ich und zu wem gehöre ich ?
    Die meisten Länder hatten kein Problem damit , diese Frage eindeutig zu beantworten. Die baltischen Staaten , Polen , Ungarn , Tschechien und die Slowakei gehörten ursprünglich und lange genug zum römisch-katholischen Raum. Die Ukraine ( der östliche Landesteil ) und Weißrußland gehörten zum Kerngebiet des ersten russischen Reiches , der Kiewer Rus. Auch hier schien die Frage klar beantwortet.
    Warum aber haben die alten Missionstätigkeiten einen so prägenden und anhaltenden Einfluß ? Warum geht es nicht vorrangig um ethnische Zugehörigkeit , beispielsweise der slawischen Völker ?
    Die Unterschiedliche Wege haben bereits in der Spätantike begonnen.
    Während Westrom unterging und in eine Phase des Zerfalls und neu entstehender Reiche überging , blieb Ostrom mit Konstantinopel für Jahrhunderte weiter bestehen.
    Bereits unter Kaiser Justinian , dem Erbauer der Haghia Sophia , bildete sich das bis heute zu beobachtende Ordnungsschema zwischen Kirche und Staat. Der Kaiser ist der Schutzherr der Kirche und die Kirche ist unbedingt loyal zum Kaiser. Diese Ordnung war für den orthodoxen Missionsraum konstituierend und hatte weitreichende Folgen auf die gesellschaftlichen Entwicklungen.
    Desweiteren war Justinian wiederum der letzte Kaiser Ostroms der lateinisch Sprach , die nachfolgenden Kaiser gingen dann wieder zum Griechischem über. Das Kirchenschisma des 11.Jahrhundert führte dann zu einer endgültigen Trennung der kirchlichen Sphären.
    Was waren die Folgen ?
    Die “Unordnung” im Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den weltlichen Regierungen hat zu einer Vielfalt an Diskussionen und Konzepten geführt. Selbstverständlich wurden bis zur Renaissance diese Diskussionen hauptsächlich im theologischen Rahmen geführt. Von dem Investiturstreit oder dem Kanossagang ähnlichen Ereignissen habe ich in der öströmischen Kirche bislang nichts gehört. Die Verhältnisse waren früh geordnet und harmonisch.
    Diese Dispute wurden während des Mittelalters über das lateinische Klostersystem verbreitet. Orte einer einheitlichen Schrift und Sprache , über Ländergrenzen hinweg.
    Jan Hus in Prag berief sich beispielsweise auf die Schriften von John Wyclif aus Oxford. Da ließen sich noch viele Beispiele für den internationalen Ideenverkehr nennen.
    Jedenfalls brachte das ungeklärte Verhältnis von Staat und Religion für Westeuropa eine große Anzahl belebender Diskussionen. Es entstanden aufgrund offener Fragen Freiräume für geistige Aktivitäten.
    Aufgrund der kichlichen Trennung blieb der orthodoxe Raum von diesen Entwicklungen nahezu ausgeschlossen. Katholische Mönche besuchten wohl selten orthodoxe Klöster.
    Im Spätmittelalter begann die Zeit der Universtitätsgründungen , deren Verkehrssprache selbstverständlich weiterhin das Lateinische war. Auch diese waren dann maßgeblich am Ideenaustausch beteiligt.
    Als dann der Buchdruck entwickelt wurde , benötigte es nur wenige Jahrzehnte , diese Technik in den europäischen Hauptländern wie Deutschland , Italien , Frankreich u.s.w. zu etablieren.
    Dies führte zu einer expotentiellen Verbreitung von Wissen und Ideen.
    Rußland führte zwar auch die Drucktechnik ein , blieb aber am quantitativen Ausstoß gemessen , weit hinter der westeuropäischen Entwicklung zurück.
    Der Apostel Paulus beschrieb in seinem Brief an die Gemeinde in Rom ( Kapitel 13 ) das Verhältins der Christen gegenüber dem Staat. Was aber nicht beschrieben wurde , war die Frage , wie denn ein Staat zu führen ist , wenn er denn einmal von den Christen regiert werden sollte.
    Im Gegensatz zum Islam , der eine religiös begründete Staatslehre hat , mußten die Christen im katholischen Raum eine Antwort darauf finden. So entstanden all die vielen Staatphilosophien von Hobbes “Leviathan” bis zu Montesquiue’s Konzept der Gewaltenteilung.
    Und auch das Recht mußte selbst geschaffen werden. Denn Jesus von Nazareth hat als Religionsgründer nur sehr wenige Grundsätze weltlicher Natur hinterlassen. Das Weiterführen der römischen Rechtstradition und des damit menschengemachten Rechtes läßt sich auch aus dieser Perspektive begründen.
    Rußland war jedoch lange Zeit von diesen geistigen Entwicklungen weitgehend ausgeschlossen.
    Das hatte auch damit zu tun , das Rußland für einige Zeit unter die Tartarenherrschaft fiel und später große Anteile seiner Aufmerksamkeit , aus bestehender Sorge über neue Angriffe , stets auf die angrenzenden Steppengebiete richtete.
    Wenn Rußland also anders ist , dann liegt es an der getrennten Entwicklung hinsichtlich philosophischer Ideen und der frühen Festigung gesellschaftlicher Ordnungen.

    Mit freundlichem GRuß
    Typhoeus

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