Von einem Kommunisten lernen wie man siegt: Eine Bewegung und ihre Protagonisten

– Verfasst von Peter Steinborn –

„Ernten kann nur derjenige, der zuvor den Boden bereitet und gesät hat. Alles andere ist Wunderglaube, der in der Politik nichts zu suchen hat.“

-Thor von Waldstein-

Jede Bewegung, die darauf abzielt die Massen zu bewegen, muss zuvor eine entsprechende Eigendynamik entwickeln, die im Laufe der Zeit Zentrifugalkräfte entwickelt. So entstehen Interdependenzen, die wichtig sind, will man die Massen in eine bestimmte Richtung bewegen. Wir haben bereits früher über die ungehemmte, affektive sowie zur Mäßigung unfähige heterogene Masse gesprochen und mussten mit Edward Bernays feststellen, dass  „die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen“ derselben ein „wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften“ ist (BERNAYS, S. 19). Es gibt diverse Methoden, diese Manipulation an den Massen vorzunehmen. Sie sind tagtäglich zu beobachten. Unsere Massenmedien sind Experten in dieser Übung. Durch gezielte Propaganda und bewusst fragmentierte Informationen wird das Individuum gesteuert und gelenkt. Auch wenn Bernays gerne postulierte, dass auch das Gute nur mithilfe von Propaganda oder den „Public Relations“[1] auf die Massen übertragen werden kann, ist dies keine Garantie für die Verbreitung der Wahrheit in westlichen Demokratien. In Wirklichkeit sind Wahrheiten in westlichen Demokratien tödlich. Die Massen sind intellektuell zu beschränkt, um diese Methoden zu durchleuchten. Zudem bedarf es auch hier entsprechender Umstände, damit sich eine „Einheit der Seele der Massen“ (LE BON) herausbilden kann[2]. Um das zu verhindern, wird uns jeden Tag ein Schauspiel präsentiert. An dieser Stelle sei allerdings erwähnt, dass der Autor keinesfalls Propaganda an sich kritisiert. Im Gegenteil: Sie ist ein wichtiger Bestandteil einer jeden erfolgversprechenden Massenbewegung. Sie reiht sich in die drei Aufgaben ein, die eine Bewegung erfüllen muss:

  1. Die Bildung einer Theorie.
  2. Die Schaffung einer gezielten Propaganda.
  3. Die Verbreitung der Ziele der Bewegung durch Agitation.

Diese drei Aufgabenfelder der Bewegung implizieren bereits drei diverse Typen von Protagonisten, auf die keine Massenbewegung verzichten kann:

  1. Der Theoretiker.
  2. Der Propagandist.
  3. Der Agitator.

Diese Unterteilung geht auf den kommunistischen Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) zurück, der damit die Erkenntnisse seines Lehrers, Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856-1918), erweiterte. In seinen Schriften finden wir ausgiebigen Stoff über die Strategien und Taktiken der Bolschewiken bzw. der Leninisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine wohl berühmteste und angesichts der gegenwärtigen Situation in der Bundesrepublik Deutschland auch gebräuchlichste Schrift ist „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“ (1902).

In ihr definiert er die Aufgaben der damaligen Sozialdemokratie und entwickelt die Theorie des Ökonomismus und seiner reaktionären Wirkung auf die Revolution. Anhand dieser Problematik leitet er die wichtige Aufgabe der Bildung einer festen und fundierten Theorie ab, die vor jeder Propaganda und jeder Agitation stehen muss.

Die Theorie ist also das Fundament einer jeden Bewegung. Am Anfang steht immer die Idee, die den Aktivisten zum Aktivismus antreibt.  Sie ist der Motor der Bewegung und motiviert die Protagonisten erst, aktiv zu werden. Ohne die Idee kann keine Bewegung existieren. Dieser Idee bzw. diesen Ideen muss irgendwann nach der Orientierungs- und Sturmphase (TUCKMAN) eine Theorie folgen. Der bzw. die Theoretiker behandeln die Ideen intellektuell und setzen sich mit möglichen Modellen der strategischen und taktischen Umsetzung derselben auseinander. Dazu bedarf es einer konstruktiven, jedoch auch kontroversen Behandlung der Ideen. Diese theoretische Arbeit ist eine im Inneren des Kerns stattfindende Debatte (Sturm- und Organisationsphase). Die Theoretiker fassen die Ideen also zusammen. Sie formulieren sie für die Mitglieder der Gruppe oder Gruppen aus. Die Wirkung ihrer Arbeit richtet sich ausschließlich an die Mitglieder. Sie ist also nach innen gerichtet.

Um die Ideen, welche die Theoretiker für die Gruppen formulieren, auch in die Gesellschaft zu transportieren, sorgen die Propagandisten für die Verbreitung derselben. Sie haben die Aufgabe, möglichst viele der zuvor ausformulierten Ideen in die Gesellschaft zu befördern. So wird der Propagandist z.B. bei der Behandlung der Frage der massenhaften Überfremdung die Ursachen durch den Kapitalismus und das universalistische Streben des Progessivismus skizzieren. Er liefert somit eine Fülle von theoretischen Ideen, die lediglich von einer Minderheit in ihrer Gesamtheit sofort erfassbar ist. Der Propagandist ist also weniger ein Massenredner. Er ist vielmehr derjenige, der im Hintergrund agiert. Er formuliert die Flugblätter aus, gestaltet die Plakate oder regiert am Dreh der Propagandafilme. Es geht ihm nicht darum, die Massen von seinen Ideen zu überzeugen. Er will die Massen langsam auf den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel vorbereiten. Er versucht nicht sein Produkt, die politische Idee, direkt an den Konsumenten, den mittlerweile apolitisch gewordenen Bürger, zu verkaufen. Er wird versuchen das gesellschaftliche Klima so zu verändern, dass das Bedürfnis nach seinen Produkten, den politischen Ideen und Idealen, in der Gesellschaft immer größer wird. In dieser apolitischen Zeit, in der immer weniger Menschen wählen gehen, kann es z.B. im Interesse einer politischen Partei sein, mittels der Propaganda den Nichtwähler wieder zum Wählen zu bringen. Der Propagandist ist also weniger derjenige, der den Bedürfnissen der Menschen folgt, als vielmehr derjenige, der die Bedürfnisse der Menschen so beeinflusst, dass die Ideen der Theoretiker auch einen Zugang zum Empfänger finden.

Nachdem die Propagandisten den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel im Sinne der zuvor gut ausgearbeiteten Theorie hervorgerufen haben, kann sich der Agitator ans Werk machen. Er liefert den Massen nicht viele, sondern möglichst wenige Ideen. Zumeist wird er der Zuhörerschaft sogar nur eine Idee liefern, die aber von weitestgehend allen Zuhörern ergriffen werden kann. Hier haben wir es mit dem klassischen Massenredner zu tun. Seine Aufgabe ist es, die Massen für die Idee zu gewinnen. Da er weiß, dass sie intellektuell nicht so aufnahmefähig ist, wie der Einzelne, der sich mit den Idealen ohnehin identifizieren kann, verfolgt er eine andere Herangehensweise, als es der Propagandist tut. Das Problem der massenhaften Überfremdung wird er daher versuchen, den Massen durch ein allen bekanntes Beispiel oder offensichtlichen Tatsachen näher zu bringen. Mit Erklärungen, die auf die kapitalistischen und historischen Ursachen in der Aufklärungszeit zurückzuführen sind, wird er dieselben nur langweilen. Daher wird er ein erst kürzlich eingetretenes Ereignis, wie z.B. einen Terroranschlag oder die Vergewaltigung eines jungen Mädchens durch einen sog. Flüchtling,  herausgreifen. Der Agitator weiß also die vielen zuvor von den Theoretikern intellektuell ausgearbeiteten Ideen durch eine metaphorisch formulierte Idee in die Massen zu transportieren. Dazu bedarf es jedoch einer vorhergehenden Bearbeitung des Rezipienten durch den Propagandisten. Er wird die intellektuell beschränkten Massen zwar nicht für die Ursachen sensibilisieren können, dafür umso mehr für die Folgen und Auswirkungen.

Das Zusammenwirken aller drei Typen ist eine Grundvoraussetzung für jede Bewegung. Die Schwierigkeit, die sich aus Sicht des Autors daraus ergibt, ist die mögliche Abweichung von den eigentlichen Idealen innerhalb der Agitation. Da wir in einer Massengesellschaft leben, birgt die Rede, sei sie nun in einer der vielen Massenkundgebungen und Demonstrationen oder in der digitalen Welt des Vlogs, die Gefahr der zunehmenden Entfernung von den ursprünglichen Idealen, die die Theoretiker der Bewegung einst ausformulierten. Der Agitator muss sich immer primitiverer Methoden bedienen, um die Massen zu bewegen. Dadurch entsteht eine „Verwässerung“ der Ideale. Der Agitator wie auch der Propagandist folgt leider allzu oft eher den Bedürfnissen der Massen, anstatt zu versuchen, diese zunächst durch gezielte Metapolitik und Propaganda auf ihn anzupassen. Die Public Relations der großen Konzerne sowie die Massenmedien machen es uns jeden Tag vor. Heute geht es im Marketing schon längst nicht mehr darum, Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen, sondern umgekehrt, den Mann oder die Frau an das Produkt zu bringen. Der gute PR-Berater wird nicht versuchen das Produkt sofort zu verkaufen, sondern den Kunden zunächst an das Produkt heranzuführen, um ihn dann für sein Produkt gefügig zu machen. Damit entsteht eine unglaublich große Machtposition für den PR-Berater bzw. den Konzern, in dem er auch den politischen Komplex der BRD lenken und steuern kann.

Es muss zunächst die Aufgabe der Deutschen Rechten sein, das Brechen der  „Resonanzachse zwischen der etablierten Politik und weiten Teilen der Bevölkerung“ (ROSA) weiter voranzutreiben. Die Etablierten haben sich längst von weiten Teilen der Gesellschaft entfernt. Die Menschen fühlen sich zunehmend von der Politik im Stich gelassen. Wenn das Band bzw. die Resonanzachse gebrochen ist, wird ein Vakuum entstehen, welches nur dann gefüllt werden kann, wenn im Vorfeld oben beschriebene theoretische Arbeit geleistet wurde und die Bevölkerung durch gezielte Metapolitik und Propaganda ohnehin für rechte Ideen offen sind. Der Agitator erntet dann nur noch die Früchte.

Literaturverzeichnis

Bernays, E. (2016). Propaganda – Die Kunst der Public Relations. Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Patrick Schnur. Orange Press

Le Bon, G. (2012). Psychologie der Massen. (7. Auflage). Übersetzt vom Französischen ins Deutsche von Rudolf Eisler. Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG, Hamburg. Zum ersten Mal 1895 im Französischen erschienen

Rosa, H. (2015). Fremd im eigenen Land? In der FAZ erschienener Fachartikel zum gesellschaftlichen Paradigmenwechsel durch Pegida und AfD. Verfügbar unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/jeder-5-deutsche-fuehlt-sich-fremd-im-eigenen-land-13546960-p7.html?printPagedArticle=true#pageIndex_7 (09.04.2017)

Waldstein, T. v. (2015). Metapolitik. Theorie – Lage – Aktion. Verlag Antaios. Kaplaken 46. Schnellroda (2015)

Anmerkungen

[1] Public Relations ist lediglich ein anderes Wort für „Propaganda“. Bernays wusste, dass das Wort Propaganda zu seinerzeit bereits eine schlechte Reputation in der Gesellschaft genoss, weshalb er in seinem o.g. Buch auch den Versuch unternahm, den Begriff der „Propaganda“ wieder „gesellschaftstauglich“ zu machen. So wurde das Wort der „Public Relations“ eingeführt, um der gezielten Manipulation der Massen eine auch begriffliche Legitimation zu gewährleisten.

[2] Diese Umstände sind vor allem Klassengegensätze, die eine Zuordnung zwischen Freund und Feind für Jedermann möglich machen. Der Autor sieht diese Gegensätze als noch nicht groß genug, als dass es zu einer umfassenden „Vereinheitlichung der Massenseele“ kommen kann.

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