Rebellisch und Unbeugsam: Eine neue „alte“ Lehre

– Verfasst von John Trichet –

Kein Zweifel kann mehr daran bestehen, dass wir im Zeitalter des Nihilismus leben. Wahrscheinlich wäre es treffender zu sagen, dass wir uns bereits in einem Auflösungsprozess befinden, der die letzten Tage einer großartigen Kultur anzählt. Diese Kultur hat längst ihre Reifezeit überschritten und befindet sich bereits seit Jahrhunderten im Lebensabschnitt der Zivilisation, die das Ende einer jeden Hochkultur bedeutet. Diese Zivilisation ist gekennzeichnet von Dekadenz, also von Verfall von Moral und Werten, Ausschuss des Übermäßigen und von Abfall von Althergebrachtem, unseren Traditionen. Nietzsche konstatiert, ähnlich den Ausführungen von Oswald Spengler, dass dies eine „notwendige Konsequenz des Lebens, des Wachstums des Lebens“ sei. Es stehe „einer Gesellschaft nicht frei, jung zu bleiben (…) Alter schafft man nicht durch Institutionen ab. Die Krankheit auch nicht. Das Laster auch nicht.“[1]

Das klingt zwar so ziemlich nach Kulturpessimismus, ist aber in Wirklichkeit die Projektion eines realistischen Weltbildes, welches zunächst als frei von jeglicher Wertung bezeichnet werden kann. Tatsächlich bleibt auch das Abendland von diesem ehernen Gesetz nicht verschont. Es zeichnet sich, wie keine andere Hochkultur, als Vertreter der Metaphysik des Unbegrenzten aus. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Maßlosigkeit. Als ich Weihnachten 2014 das Brevier der Unbeugsamen erhielt, wurde ich das erste Mal ernsthaft und tiefergehend mit der Frage konfrontiert, ob eine Welt ohne Wachstum, ja ohne sogenannten Fortschritt möglich ist. Natürlich bin ich in meinen ökonomischen Studien auch Margrit Kennedy[2], Reiner Bischoff[3] und Silvio Gesell[4] begegnet, die ja bekanntlich ebenfalls das ewige Wachstum in der Ökonomie in Frage gestellt haben. Dennoch beschränkten sich diese Überlegungen, zumindest für mich, auf die Wirtschaft und ließen ihrer Zeit nur wenig Hoffnung auf eine realistische Chance der Umsetzung derselben. Dann traf ich auf das Buch des französischen Dissidenten und Freigeistes Dominique Venner, der eine Infragestellung des Fortschritts in Gänze ausrief. Er stellte jedoch nicht nur die Frage, ob eine „Abkehr von der Wahnidee des ‚Alles-ist-käuflich‘“[5] (noch) möglich ist, er stellt dem Fragenden auch eine positive Aussicht auf die Findung einer passenden Antwort. Es ist ein Leben des Kriegers, des Rebellen, des Unbeugsamen. Daher ist der Untertitel des Buches Ein Samurai aus Europa auch passend: Das Brevier der Unbeugsamen.

Seitdem bekenne ich mich dazu, ein Dissident, ein Aufsässiger, ein Unbeugsamer zu sein. Jeden Tag kämpfe ich gegen dieses verworrene Zeitalter. Früher hätte ich dies als einen Kampf gegen Windmühlen bezeichnet. Heute sehe ich es als eine Probe an, die mir die Natur, der Kosmos, das heißt die Lenkerin von Ordnung und Erschafferin des Chaos, auferlegt hat. Unsere Kultur des Abendlandes existiert bereits seit Jahrtausenden und auch wenn Oswald Spengler die Kultur der Antiken von der des Abendlandes akribisch unterschied[6], so bin überzeugt, dass unsere Erinnerung weit in die frühe Antike führen wird, wo einst Homer mit seinen Gesängen unsere Gründungsepen schuf. Hier wird, ähnlich wie in den Sagen des Abendlandes, die Geschichte von Heroen erzählt. Hier zeichnete Homer das Gesicht der europäischen Kultur, das sowohl von Selbstaufopferung aus Liebe zur Heimat und dem Vaterland (Hektor), wie auch durch die Hybris, jedoch in kämpferischer Form (siehe Achilleus) gekennzeichnet ist.

Sich dieser Gründungsepen, die in der Odyssee und der Ilias niedergeschrieben sind – welche sich in vielen Heldensagen, wie dem Nibelungenlied wiederfinden lassen – wieder zu erinnern, ist der Ausweg aus einer längst verloren geglaubten Zeit. Es bedeutet gewissermaßen, das Rad der Zeit umzudrehen, ihm eine andere Richtung zu versetzen. Es bedeutet, die Zeit umzukehren. Es bedeutet, zurück zu den Wurzeln zu gelangen und das Ende der Moderne heraufzurufen. Es bedeutet, sich als Erbe der Hyperboreer zu besinnen.

Es genügt nicht nur auszusteigen aus dem Wagen, der zielgerade auf die Mauer zu fährt, um endlich dem ersehnten Crash zu erliegen. Es bedarf dann einer neuen Lehre. Diese müssen wir jedoch nicht einmal erfinden. Wir finden sie in den Büchern unserer Vorfahren, Ahnen und Urahnen. Wir finden sie in den Geschichten und Sagen, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Wir finden sie in uns, wenn wir uns nur wieder unseres Selbst besinnen. Wir entdecken sie in der Natur, also in den Wäldern, den Bergen und den Steppen, wo einst unsere Vorväter und deren Vorväter gelebt, gekämpft, gearbeitet und geschaffen haben. Das Zeitalter des Nihilismus ist durch seine Maßlosigkeit und Dekadenz geprägt. Die Jugend wird schwerhörig von der lauten Musik in den Diskotheken und dem Krach in der Großstadt. Das Gehör wird bei jenen, die zu viel dieser verzerrten Töne frönten, nicht mehr zu retten sein. Hier ist die Taubheit irreversibel eingetreten. Doch für jene, die sich noch einen Teil ihres Bewusstseins bewahrten, ist der einzige Ausweg sich in die Natur zu begeben und zu den Wurzeln zurück zu finden.

Unsere Lehre ist die Lehre des Unbeugsamen, des Rebellen. Gleich den alten Spartiaten lieben wir die Freiheit, lieben wir den Kampf und halten unsere Tradition und unsere Ahnen in Ehren. Wer die Reconquista will, muss sich zunächst erinnern können!

[1] Nietzsche in „Der europäische Nihilismus“, S. 35

[2] „Geld ohne Zinsen und Inflation. Ein Tauschmittel das jedem dient“

[3] Entmachtung der Hochfinanz. Demokratie, Frieden, Arbeit für alle, Natur- und Kulturbewahrung sind möglich“

[4] „Die natürliche Wirtschaftsordnung“

[5] Dominique Venner in „Ein Samurai aus Europa. Das Brevier der Unbeugsamen“

[6] Oswald Spengler trennte in „Untergang des Abendlandes“  die Antike von der Kultur des Abendlandes strikt. So nannte er die Auffassung von Zeit und Raum als eines der wichtigsten Unterscheidungskriterien zwischen dem antiken Griechen und dem abendländischen Menschen. Auch in der Mathematik und der Betrachtung von Zahlen sah er einen gewichtigen Indikator für die Unterschiedlichkeit der beiden Hochkulturen.

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