Katalanischer Patriotismus, europäischer Aufbruch und linke Solidarität. Teil II

Der König von Kastilien, Aragonien, Navarra… und seine Folgen

– Verfasst von Karl Moor –

Der Staat, den man seither Spanien nennt, verlor in den folgenden Jahrhunderten seine einstige Vormachtstellung durch Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika und durch die zunehmende Macht der künftigen Kolonialreiche England und Frankreich. Spanien war zur Zeit der Industrialisierung nur noch ein weltpolitisch unbedeutender Landstrich Westeuropas, der agrarisch geprägt war. Ins Bewusstsein der Weltgeschichte rückte es erst zur Zeit des „Weltbürgerkrieges der Ideologien“[1], als General Francisco Franco die Macht im demokratischen Staate an sich reißen wollte. Dass diese 2. Spanische Republik aber weniger mit einer Demokratie, als vielmehr mit einem bolschewistischen Vorposten in Westeuropa zu tun hatte, wird von den Zöglingen jener Ideologie bewusst unterschlagen. Aber über die Legitimität dieses Staates, Francos Aufstand und die Rolle der Faschisten soll hier nicht diskutiert werden.

Wie wir wissen ging Franco siegreich aus dem Bürgerkrieg hervor, wenn auch durch italienische und deutsche Unterstützung, wobei auch die Gegenseite massivste Unterstützung von Gesinnungsgenossen weltweit bekam. Von der heutigen Geschichtsforschung wird Franco Faschist genannt, aber warum? Weil er die wahrhaft faschistische Phalanx-Bewegung in seine große nationale Bewegung aufnahm? Weil er Militär war oder Katholik oder nur weil er sich seiner Männlichkeit bewusst war?

Franco bedient alle Feindbilder der modernen Linken: weiß, christlich und männlich.

Das Dilemma ist, dass die Linken die ethnischen Minderheiten Spaniens geschickt für sich instrumentalisiert. So gelten Madrid, das Baskenland und Katalonien, die wenigen Industriegebiete des agrarischen Spaniens, als republikanische Hochburgen. Vor allem in den urbanen Gebieten, in deren Umfeld sich der linke Geist entwickelte, waren die Linken erfolgreich, ein noch heute zu beachtendes Phänomen. Doch man tut den Basken und Katalanen unrecht, sie als republikanisch einzustufen, denn ihr Kampf war weniger ein Kampf für die Republik, als ein Kampf gegen einen Gegner, der die jeweilige Unabhängigkeit noch unwahrscheinlicher werden ließ. Es wird keinen Katalanen gegeben haben, der die Ausschreitungen gegen Geistliche begrüßt haben wird, sind doch die Katalanen selbst sehr katholisch. Aber genau das kennzeichnete die rote Republik Spaniens.

Franco verfolgte nach seinem Sieg eine Politik der Unterdrückung in den aufsässigen Regionen, was aber auch den Ausdruck seines Unverständnisses von den 3 Ebenen der Identität darlegt.

Doch auch nach dem Tod Francos verbesserte sich die Situation nicht. Katalonien besitzt heute einen Autonomiestatus, der sich allerdings auf eine Verfassung beruft, die sich wiederum auf die „unauflösliche Einheit der spanischen Nation“[2] stützt und in der „Kastilisch die offizielle Staatssprache ist, die jeder zu kennen und gebrauchen hat“[3], zumal die „Staatsgewalt vom spanischen Volk ausgeht“[4]. Schon wegen dieser Widersprüchlichkeit der Verfassung und der innenpolitischen  Ausrichtung verwundert es nicht, dass die ETA und die heutigen gewaltfreien Unabhängigkeitsbewegungen im Baskenland und Katalonien auch in der Post-Franco-Ära wieder Aufschwung haben. Im heutigen Spanien herrscht hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jugendlichen. Nur die industrialisierten Regionen im Baskenland, aber noch mehr Katalonien und Madrid, stehen gegen diese Entwicklung. Die Besonderheit in den Regionen Baskenland und Katalonien ist, dass sie sich aber bewusst gegen die kastilische Zentralregierung in Madrid wenden.

Patriotische Linke?

Warum aber unterstützt die heutige Linke den patriotischen Aufbruch in Katalonien[5]? Ihrer Auffassung folgend, ist die Unterstützung der Katalanen schon legitim, da der spanische Staat mit seiner monarchischen Ausrichtung von Franco so gewollt war und es für die Linke keine größere Angst gibt „als die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“[6]. Die linke Unterstützung dieser Unabhängigkeitsbewegungen und eine immer noch falsche Auffassung vom Staat vieler Rechter drängt eben unser Spektrum immer wieder in die Defensive, hält man doch am Staat Spanien als solchen fest. Darum darf man sich nicht täuschen lassen und den Linken das Themenfeld überlassen, denn sie verfolgen keineswegs das Ziel von ethnisch-kulturell einheitlich geprägten Regionen und Staaten, die zudem noch möglichst unabhängig von der Weltwirtschaft agieren. Stattdessen tappen viele Unabhängigkeitsbewegungen in die Falle und verwechseln die EU mit Europa, so wie die Schotten, die nach dem Brexit ein erneutes Unabhängigkeitsvotum anstreben, um dann Mitglied der EU werden zu können[7]. Mit Freiheit und Unterstützung lockt die EU vor allem die kleinen Staaten und unterdrückte Völker, dabei ist sie genau das Gegenstück, „ein Elitenprojekt kapitalistischer Prägung, indem Europa nur der zufällige Schauplatz dieses ökonomischen Versuches ist, das durch das Mitwirken der multikulturell-linksliberalen Kreise zudem eine antieuropäische Note erhält[8]“. Doch von rechter Seite folgte seither nichts als die Phrase eines Europas der Vaterländer.

Dabei gilt es heute mehr denn je aus dem „unverbrauchten Reichtum an Intelligenz, Energie und Schöpfertum, den wir Europa nennen dürfen“[9] Kraft zu tanken, denn unser 3000-jähriger Kulturkreis bietet einen „unvorstellbaren Reichtum an kulturellen, nationalen und religiösen Werten, an Regionen, Kulturen und Völkern (…), die sich wechselseitig beeinflusst haben“[10]. Dies muss uns bewusst werden, denn der, der „nicht von 3000 Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben (…) mag Tag zu Tage leben“[11] und genau so passiv verhält sich seither Europas Rechte, man bleibt am Nationalstaatsmodell hängen oder man beteiligt sich an den Verhandlungen zu den unzähligen Verordnungen aus Brüssel. Doch für wahre Alternativen muss man zunächst den Austausch miteinander suchen, damit tragfähige Konzepte für die Zukunft entwickelt werden können, und zwar fernab von althergebrachten Staatsideen oder einem falschen Identitätsverständnis. Es ist klar, dass Europa die heutigen Probleme sonst nicht lösen kann.

Fazit

Als Rechter sollte man den Unabhängigkeitsbewegungen, sofern sie, wie am Beispiel Katalonien gezeigt, wirklich ethnisch und kulturell begründet sind, positiv gegenüberstehen, denn sonst verrennt man sich in alten Denkmustern. Kapital schlägt daraus nur die herrschende Klasse, weshalb es das Themenfeld Europa von rechts zu erobern gilt, da sich patriotische Bewegungen sonst im Netz der Spinne wiederfinden werden. So dürfen alte Klischees einer neuen Ordnung nicht im Wege stehen. Es muss für einen Gironeser, der sich als Katalanen sieht und Europäer ist, trotzdem möglich sein, mit einem Kastilier aus Salamanca, der ebenfalls Europäer ist, über eine gemeinsame Politik, z.B. für den Schutz der Grenzen vor Erobererwellen aus Afrika, zu diskutieren und damit gleichzeitig die Idee eines jungen Europas zu verwirklichen.

Jedoch rennen die Kämpfer für Unabhängigkeit heutzutage, mangels Alternativen, ihren Unterdrückern freiwillig in die Arme.

Katalanischer Patriotismus, europäischer Aufbruch und linke Solidarität. Teil I

Quellen

[1]Gerlich, Siegfried Vortrag IV. Staatspolitischer Kongress Juni 2016 Schnellroda

[2]Art. 2 der Spanischen Verfassung: http://www.verfassungen.eu/es/verf78-index.htm

[3]Art.3 der Spanischen Verfassung: Ebenda

[4]Art.1 (2) der Spanischen Verfassung: Ebenda

[5]https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2016/11-15/027.php

[6]Theodor W. Adorno siehe: http://antifameran.blogspot.de/

[7]http://www.tagesschau.de/ausland/brexit-401.html

[8]Kaiser, Benedikt: Europa und die Rechte- Zehn Thesen zu einem Neubeginn. In:Sezession Nr. 74, S.43

[9]Ebenda

[10]Ebenda S. 45

[11]Goethe, Johann Wolfgang von: West-Östlicher Divan, Rendsch Nameh – Buch des Unmuts

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